Samstag, 21. April 2012

Vor zehn Jahren: Wieder fest im Sattel

Mit Comebacks ist das ja so eine Sache - sie kommen einerseits gar nicht einmal so selten vor, sei es nun in der Politik, in der Wirtschaft oder im Sport. Andererseits sind sie aber auch keineswegs immer mit einer Erfolgsgarantie verbunden - im Gegenteil! Oft ist es zudem so, dass sich erst nach einiger Zeit rückschauend wirklich beurteilen lässt, ob ein Comeback von Erfolg gekrönt war. 


Wünschen wird sich solchen Erfolg selbstverständlich jeder Mensch, der sich an ein Comeback wagt, doch nur in wenigen Fällen wird man den Entschluss zum Rücktritt vom einst bereits erklärten Rücktritt derart positiv beurteilen können wie im Hinblick auf die Geschichte eines sportlichen Comebacks, die heute erzählt werden soll. Nebenbei bemerkt - hätte dieses Comeback nicht stattgefunden, so wären die galoppsportlichen Erinnerungen der vergangenen zehn Jahre um eine Menge herausragender Erlebnisse ärmer... Wie gut also, dass das Zurückkehren eines Jockeys in den Rennsattel so vorzüglich geklappt hat!




Es war einmal vor zehn Jahren

„So muss ein Comeback ja nun wirklich Spaß machen! Nix verlernt, das muss man nun wirklich sagen!“

Ich erinnere mich noch recht gut an die Worte eines mir unbekannten Rennbahnbesuchers, als ich damals vor zehn Jahren im April 2002 erstmals nach einer längeren Zeit wieder auf „meiner“ Heimatrennbahn am Raffelberg war. Gesprochen hat er sie am Absattelring, und das Pferd, das da soeben das erste Rennen der Tageskarte, einen ausgesprochen harmlosen Ausgleich IV, gewonnen hatte, hieß Tidel Pool und stand noch dampfend und leicht verschwitzt vor unserer Nase, während der siegreiche Jockey den Sattel abnahm.

Nix verlernt? Comeback?

Da hatte ich offenbar in der Zeit meiner durch das Referendariat und einen längeren Auslandsaufenthalt bedingten Rennbahnabwesenheit etwas verpasst! Doch noch ehe ich genau zuordnen konnte, um wen es da gehen mochte, brach mein Nebenmann – eigentlich ganz uncharakteristisch für das übliche eher reservierte Verhalten deutscher Rennbahnbesucher – in energisches Klatschen aus und rief so laut, dass der Jockey ihn sicher hören konnte: „Guter Mann, Terry! Weiter so!“

Da wusste ich natürlich auch sofort, wer gemeint gewesen war – Terence Hellier nämlich, also derjenige Reiter, der Tidel Pool aus dem Stall seines Vaters Bruce vor wenigen Minuten in einem knappen Finish mit Halsvorteil und kurzem Kopf gegen die beiden Platzierten Speed Fine und Jimmy Two Stroke zum Erfolg geführt hatte. Es war ein sehenswerter Endkampf gewesen, das war sogar mir aufgefallen. Aber wieso Comeback?

Erst im Nachhinein habe ich, die ich an jenem Apriltag 2002 ohne jede Begleitung und auch ohne Sport-Welt über die Mülheimer Rennbahn geschlichen bin, um endlich mal wieder ein wenig Galopp-Luft zu schnuppern, herausgefunden, was der Hintergrund dieser Aussagen war. Und der war allerdings tatsächlich bemerkenswert, denn was ich in jenem ansonsten wirklich ziemlich unspektakulären Ausgleich IV miterlebt hatte, war nichts weniger als ein kleines Wunder, denn an jenem 14. April 2002 begann eine Jockey-Karriere neu, die anderthalb Jahre zuvor, am 4. November 2000, endgültig beendet schien, inzwischen aber bereits wieder zehn sehr erfolgreiche Jahre andauert.

Es war ein durch und durch standesgemäßer Abschied gewesen, den Terence Hellier, ein Jockey, den ich immer gerne gesehen hatte, denn mit der Schlenderhanerin Mosquera hatte er in Köln bei seinem vermeintlich letzten Ritt immerhin mit der Kölner Stuten-Meile ein gut dotiertes Listenrennnen an sich bringen können. Danach war Schluss gewesen, der Sattel hatte sich am sprichwörtlich-symbolischen Nagel wiedergefunden und Terry Hellier hatte sich eine neue Aufgabe suchen müssen.

Was war der Grund für diesen Rückzug gewesen, zu dem sich der damals 34-Jährige Jockey entschieden hatte, der doch immerhin in jener Saison mit 75 Siegen eine Platzierung in den Top Ten der deutschen Jockeys erreicht hatte?

Das leidige Thema Gewicht war es wohl, dazu vermutlich anhaltende Sorgen um die eigene Gesundheit, die in den 1990er Jahren immer wieder stark angegriffen gewesen war. Mehrfach war Terence Hellier, der sich selbst in einem Interview 1997 mit einer ordentlichen Portion Galgenhumor einmal als „Deutschlands schwerster Jockey, zumindest in der Spitzenklasse“ bezeichnete, schwer an einer Meningitis erkrankt. Diese schwere Erkrankung limitierte seine Verlässlichkeit so sehr, dass er sich zu seinem Leidwesen genötigt fühlte, seinen lukrativen Vertrag mit Bruno Schütz zu lösen. Dies kann wohl kaum ein leichter Schritt für den ganz gewiss ehrgeizigen, auch psychologisch durch seine gesundheitlichen Sorgen belasteten Reiter gewesen sein. Er ritt zwar für andere Trainer weiter, sammelte auch weiter viele Erfolge, doch zuverlässig ein Gewicht von – bei einer Körpergröße von 1,69m ja nun wirklich extrem niedrigen – 56 Kilo halten zu können, muss ihm immer schwerer gefallen sein. Darum also der Schlussstrich am Ende des Jahres 2000… Nur einmal noch sah man Terry Hellier anschließend in Deutschland im Sattel, und zwar im September 2001 in einer treffend als Ex-Champion-Rennen bezeichneten Konkurrenz in Köln, in der er – sicher zu seiner Erleichterung – mit 63,5 Kilo in den Sattel steigen durfte… und prompt gewann.

Lagebesprechung vor grinsendem Pferd -
Terry Hellier im Düsseldorfer Führring

Die Art und Weise, wie er damals als „Jockey-Rentner“, so ein Artikel bei GOL, diesen Erfolg unter Dach und Fach brachte, war übrigens sehr typisch für viele Ritte von Terence Hellier, dem man schon früh besonderes taktisches Geschick und enorme Endkampfstärke attestiert hatte. Lediglich um einen Hals blieb er nämlich mit der Stute Suenna vor dem Zweitplatzierten Leto, aber dieser Halsabstand reichte aus. Gewonnen ist schließlich im Rennsport gewonnen!

Und Rennen zu gewinnen, das hatte Terry Hellier schon früh hervorragend gekonnt. Sicher war er als Sohn von Bruce Hellier, der ebenfalls zunächst Jockey gewesen und später Trainer geworden war, quasi auf der Rennbahn aufgewachsen. Da ich mir als Kind eine Grundschulklasse ganz in der Nähe der Mülheimer Rennbahn mit seinem Halbbruder teilte, der immer wieder begeistert von den Rennen erzählte, die sein damals in der Ausbildung bei Heinz Jentzsch befindlicher Bruder ritt, hatte ich auch schon früh bei den Rennbahnbesuchen mit meinem Patenonkel auf diesen Nachwuchsreiter geachtet. An einen Treffer kann ich mich aus dieser frühen Zeit noch gut erinnern, denn da war er in Mülheim ausgerechnet mit einem Pferd namens Only Second Erster geworden. Die Ironie verstand ich seinerzeit zwar erst nach einem entsprechenden Kommentar meiner (noch!) des Englischen mächtigeren Mutter, aber dann musste ich ebenfalls grinsen. Wie passend… Terry Hellier gewann sogar Rennen mit Pferden, die eigentlich "nur Zweiter" werden sollten. ;-)

Aber auch größere Erfolge kamen beim Lehrlingschampion des Jahres 1982, nachdem er ausgelernt hatte, schrittweise in immer größerer Zahl hinzu. Vor allem mit Pferden wie Justinian, Schützenkönig, Mondrian, Fabriano, Protektor, vor allem aber natürlich mit Martessa und Lomitas, gelangen ihm ab Ende der 1980er Jahre und in die 1990er hinein viele hervorragende Platzierungen und Siege. La Blue, Sinyar, Germany, Eden Rock, Autriche, Diktys, Anna Thea, Waky Nao – sie alle hat Terry Hellier auf der ersten Etappe seiner Jockeykarriere zu großen Erfolgen gesteuert. Vor allem aber Ungaro war es, der dieser Phase seiner Laufbahn viele herausragende Akzente verlieh. Doch dann war es vorbei – scheinbar endgültig.

Turbulent ging es im Leben von Terence Hellier aber auch nach seinem Rücktritt vom aktiven Rennreiten zu, denn eigentlich schien sich eine gute Lösung für die weitere Laufbahn des Ex-Jockeys gefunden zu haben, als er in der Funktion eines Assistenztrainers bei Peter Schiergen am Asterblüte-Stall anfing. Das Engagement, das so vielversprechend klang, erwies sich jedoch als von kurzer Lebensdauer, denn schon im April endete es auf nicht gerade freundliche Weise. Ganz uncharakteristisch kritische Worte wurden öffentlich gesprochen, und damit befand sich Terence Hellier wieder auf der Suche nach einer neuen Aufgabe, die er schließlich ausgerechnet in Dubai als Arbeitsreiter am Stall von Saeed Bin Suroor fand.

Diese Auszeit wurde zur entscheidenden Wende in der Karriere des Terence Hellier, denn als er Anfang 2002 nach Deutschland zurückkehrte, war er nicht nur bedeutend leichter geworden, sondern hatte auch den Entschluss gefasst, dass mit dem Rennreiten noch nicht unbedingt Schluss sein musste. Und so staunte die deutsche Galoppsportszene über die Ankündigung, dass er seinen Sattel wieder vom Nagel nehmen und als Jockey neu einsteigen wollte. Begrüßt wurde seine Entscheidung aber allemal, denn aus den unterschiedlichsten Gründen war es zu jener Zeit um die in Deutschland tätigen Jockeys nicht besonders gut bestellt – langfristige Sperren, schwerwiegendere Verletzungen hatten dazu geführt, dass man über die Verstärkung durch den Rücktritt vom Rücktritt sehr froh war.

Erfolgsteam des Jahres 2011:
Terry Hellier und die Pferde aus dem Besitz von Guido Schmitt

Verlernt hatte Terence Hellier ganz sicher nichts, wie mein Nebenmann am Mülheimer Absattelring ganz richtig feststellte. Schöner als mit einem durch Geschick erkämpften Sieg konnte er ja seinen zweiten Jockey-Frühling kaum beginnen lassen. Doch dabei bleib es an jenem Tag im April 2002 am Raffelberg nicht, denn der inzwischen in Vertretung des noch gesperrten Andrasch Starke bei Andreas Schütz beschäftigte Reiter ließ seinem Auftaktsieg am gleichen Tag noch einen dritten Platz und zwei weitere Triumphe mit der überragenden Rennstute Tomori und dem Hengst Dimaro folgen, mit der er auf Anhieb das Hauptrennen, das Orakel der Dreijährigen, gewann. Besser, nein, besser hätte es wirklich nicht beginnen können.

Und so verwunderte es auch kaum, dass bereits am folgenden Wochenende in Krefeld Terence Hellier im Sattel des eindeutigen Favoriten für das erste Gruppe-Rennen der Saison, das Dr. Busch-Memorial, saß. Für schwindelerregende 13:10 gingen sie an den Start, und dass diese Einschätzung durch die Wetter mehr als gerechtfertigt gewesen war, belegt die Tatsache, dass es ein überlegener Sieg mit vier Längen Vorsprung wurde. Der Name des Pferdes? Ja, das war ein gewisser Next Desert, der später im Jahr 2002 nicht nur das Union-Rennen, sondern vor allem auch noch das Derby gewinnen sollte, selbst wenn er bei jenem Sieg nicht mehr von Terry Hellier, sondern vom gerade wieder entsperrten Andrasch Starke geritten wurde.

Wahrlich ein Einstand nach Maß war es also, den der Meister der spannenden Endkämpfe vor zehn Jahren erlebt hat. Und es wurde eine zweite Karriere von Dauer, denn inzwischen gibt es wohl keinerlei Zweifel mehr am begnadeten Reittalent des Jockeys aus Köln, der der Liste seiner Triumphe inzwischen zahlreiche Siege hinzufügen konnte. Und dabei sind es im vergangenen Jahrzehnt besonders die großen Treffer, die so genannten „Big Points“, mit denen er sich einen Namen machte. Call me Big, Caitano, Well Made, Dai Jin, Iota, Albanova, Egerton, Manduro, Love Academy – das sind nur einige der Namen großer deutscher Rennpferde, mit denen Terence Hellier bei seien recht häufig schon nach kürzerer Zeit wechselnden Engagements an praktisch allen führenden Rennställen und Gestüten von Peter Schiergen über Uwe Ostmann bis hin zum Gestüt Schlenderhan bereits siegreich den Zielspiegel passiert hat. Aus der jüngsten Vergangenheit sind es wohl vor allem solche herausragenden reiterlichen Meisterstücke wie die Siege mit Enora, Liang Kay, Silvaner, Zazou, Durban Thunder oder Oriental Tiger, die in besonders guter Erinnerung bleiben.

Meisterleistung im Finish:
Diana-Sieg mit der Röttgenerin Enora

Wie gut, dass er, der inzwischen mit 46 Jahren zum Inventar der deutschen Jockeystuben zählt, da an einem ganz bestimmten Tag im November 2007 in Frankfurt von allen Schutzengeln weit und fern mit aller Macht behütet wurde, als er in einem garstig aussehenden Rennunfall von seinem Pferd Shivas gegen den Zielspiegel geschleudert wurde. Vielen Freunden des Galopprennsports ist dieser drastische Zwischenfall nachhaltig und schockierend in Erinnerung geblieben - ebenso wie die enorme Erleichterung, als bekannt wurde, dass Terence Hellier sich "nur" einen Armbruch und eine Gehirnerschütterung zugezogen hatte. Was für ein ungeheures Glück! 

Schon im folgenden Frühjahr 2008 saß der Jockey wieder im Sattel, und wieder wurde deutlich, dass er nichts verlernt hatte, denn bereits am zweiten Wochenende gelang ihm sein erster Treffer mit Palace Princess, dem er am Sonntag darauf einen erneuten Gruppe-Sieg im Sattel von Oriental Tiger folgen ließ. Einer von vielen bemerkenswerten Ritten von Terry Hellier, die das deutsche Rennbahnpublikum seitdem miterleben durfte... 

Größter Erfolg 2011:
Durban Thunders Gruppe-I-Sieg in München

Mit sechs Treffern steht er in diesem Jahr bereits wieder in den Top Ten der Jockey-Statistik, so dass die noch sehr junge Saison 2012 sich aus seiner Perspektive wirklich erfreulich angelassen hat. Und dann ist da noch einer der Starter im morgigen Dr. Busch-Memorial, der auf den Namen Pastorius hört und sicher in diesem hochklassigen Starterfeld zum engeren Favoritenkreis zählen wird. Mit ihm hat Terry Hellier im vergangenen Jahr bereits zweimal gewinnen können. Ob ihm dies exakt zehn Jahre nach dem ersten Gruppe-Treffer seiner zweiten Jockey-Karriere erneut gelingen wird, ist eine von vielen Fragen, die enorme Spannung in den morgigen Renntag bringen. 



Mir, das ist sicher, würde ein solcher Treffer wirklich sehr gefallen. Und persönlich dabei sein werde ich auf jeden Fall…

Montag, 9. April 2012

Vor 182 Jahren: Können Pferde schweben?

Es war einmal vor 182 Jahren

Manchmal stolpert man ja ganz durch Zufall über lohnenswerte Dinge, und weil mir dies gestern recht spät nachts bei der Recherche für den letzten Blog-Beitrag so ging, gibt es heute einen zuvor eigentlich nicht geplanten zweiten Text über einen auch nicht gerade besonders runden Jahrestag. Es handelt sich, wie mich mein Freund, die international berühmte Suchmaschine, mit ihrer zu gewissen Anlässen gerne passend künstlerisch gestalteten Hauptseite informierte, um den 182. Geburtstag von Eadweard Muybridge.



Eadweard wer?

Ja, einem deutschen Leser kann durchaus verziehen werden, wenn er diesen einigermaßen exzentrisch anmutenden Namen eines Pioniers der Foto- und Filmgeschichte noch nie gehört hat. Mir selbst ging es auch bis vor einigen Wochen so, doch es war gerade die Verbindung zwischen Muybridges Filmschaffen in den schwarz-weißen Anfangszeiten der Filmkunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts und meinem Lieblingshobby, der Geschichte des Galopprennsports, die mich auf ihn aufmerksam werden ließ. Da ging es nämlich um das Galoppieren von Rennpferden und um die Beweisführung, dass ein Pferd in dieser schnellen Gangart alle vier Hufe simultan vom Boden hebe. Können Pferde tatsächlich schweben?

Ich war damals fasziniert von den Bildern, die ich bei der Vorbereitung einer Unterrichtsreihe für meine eigentliche Hauptbeschäftigung, also das Lehrerinsein, entdeckt hatte. Auch in Schwarz-Weiß konnte ich mich der Faszination eines galoppierenden Pferdes nicht entziehen, und so wurde es zum Gegenstand einer Unterrichtsstunde im Jahrgang 9, die sich in englischer Sprache mit den Ursprüngen der Filmgeschichte befasste. Wenn ich schon einmal eine Ausrede habe, um den Rennsport in meine Stunden einfließen lassen zu können, kann ich diese natürlich nicht einfach ungenutzt lassen. Eine gewisse Praxiserfahrung lehrt ja zudem, dass Pferde als Thema, und sei es auch nur sekundär, bei reinen Mädchengruppen in der Pubertät wie jener, die ich da zu unterrichten hatte, komischerweise fast immer „gehen“. So war es auch in diesem Fall, also ist mir der Name Eadweard Muybridge recht positiv im Gedächtnis geblieben.

Wer war dieser heute vor 182 Jahren, am 9. April 1830, im englischen Kingston-upon-Thames geborene Mann aber nun, der optisch mit seiner wallenden weißen Haarpracht eine gewisse Ähnlichkeit mit Karl Marx vorweisen konnte?

Hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Karl Marx: Eadweard Muybridge

Eadweard Muybridge, oder Edward James Muggeridge, wie sein Geburtsname etwas weniger exotisch eigentlich lautete, war als junger Mann in den 1850er Jahren in die USA ausgewandert, wo er in New York und später San Francisco zunächst als Verleger und Buchhändler arbeitete. Erst als er nach einer schweren Kopfverletzung bei einem Kutschunfall Anfang der 1860er Jahre für eine Weile nach England zurückkehrte, begann er scheinbar, sich intensiver mit der damals noch in den Kinderschuhen steckenden, aber viele Menschen enorm faszinierenden Fotografierkunst zu beschäftigen. Zunächst waren es herkömmliche statische Motive, die er nach seiner Rückkehr in die USA 1866 mit seiner Kamera ins Visier nahm: Landschaften wie etwa im Yosemite National Park, Architekturdetails, aber auch Portraits von Menschen. Diese Arbeiten waren aber nicht der Grund dafür, warum Eadweard Muybridge zumindest im angloamerikanischen Raum zu großer Berühmtheit gelangen sollte, denn sie stellten einfach noch nichts Besonderes dar.

Irgendwann jedoch muss Muybridges Interesse an einem fotografischen Thema erwacht sein, das ein einzelnes mit der Kamera festgehaltenes Bild eigentlich gar nicht spiegeln konnte. Bewegung war es nämlich, die er fotografieren wollte. Und die Gelegenheit dazu ergab sich, als er 1872 vom ehemaligen kalifornischen Gouverneur Leland Stanford, der offenbar neben der Politik auch noch genug Zeit für andere Aktivitäten hatte, engagiert wurde, um eine damals äußerst intensiv diskutierte Streitfrage durch fotografische Dokumentation abschließend zu klären:

Hebt ein galoppierendes Pferd kurzzeitig alle vier Hufe vom Boden ab und begibt sich so in einem Phase des schwebenden Übergangs oder berührt immer stets ein Huf die Erde?

Leland Stanford hatte als Besitzer von Vollblütern persönliches Interesse an dieser Diskussion, und da er nebenbei auch noch einer der reichsten Männer Amerikas war, entschloss er sich, die Entscheidung so herbeizuführen wie es sich für einen Rennstallbesitzer geziemt – durch eine Wette. An dieser Stelle kam Eadweard Muybridge ins Spiel, der eine damals revolutionäre Technologie einsetzte. Eine Staffel aus Kameras wurde zu diesem Zweck in Reihe aufgebaut. Jede Kamera wurde ausgelöst, sobald ein an ihnen vorbei galoppierendes Pferd einen dünnen Faden zerriss. Die so entstandenen Einzelaufnahmen konnten dann in Form von Silhouetten mit einer als Zoopraxiskop bekannten Maschine zusammengefügt und in Bewegung betrachtet werden.




Man kann sich wohl unschwer ausmalen, wie aufwendig die Umsetzung dieses theoretischen Ansatzes in der Praxis gewesen sein mag, und so wundert es auch nicht, dass fünf Jahre vergingen, ehe Muybridge Leland Stanford demonstrieren konnte, dass dessen eigenes Pferd mit dem schönen Namen Occident tatsächlich alle vier Hufe gleichzeitig vom Boden abhob, wenn es galoppierte. Im Gegensatz zur damals populären und auf vielen Gemälden zu beobachtenden Vorstellung geschah dies aber nicht im Moment der größten Streckung, so dass die Vorderbeine nach vorne ausgriffen und die Hinterbeine nach hinten gestreckt waren, sondern in dem Augenblick, in dem sich alle vier Beine unter dem Pferdekörper befinden. Heute mag dies wie eine Binsenweisheit anmuten, doch für die Zeitgenossen von Muybridge und Stanford war diese Feststellung so faszinierend, dass das Experiment in ähnlicher Form noch mehrfach (und auch mit anderen Tieren wie etwa Elefanten und Büffeln) wiederholt wurde, so dass wir heute noch die erhaltenen bewegten Bilder betrachten können. Dass Muybridges Pionierleistung am Übergang von Fotokunst zu Film ihm zunächst wenig Erfolg und Ansehen brachte, lag jedoch auch an einem späteren Streit mit seinem einst so großzügigen Mäzen Stanford, der die Aufnahmen des Fotografen „stahl“ und sie in einem Buch mit dem Titel „The Horse in Motion“ veröffentlichte. Einen gegen Stanford angestrengten Prozess um seine Urheberrechte konnte Muybridge nicht gewinnen.

Nicht nur an pferdischer, sondern auch an menschlicher Bewegung interessiert:
Muybridges Aufnahmen einer (ja, unbekleideten!) Frau beim Treppensteigen 

In einer späteren Schaffensphase dehnte Muybridge sein Interesse auch auf die Anatomie der menschlichen Bewegung aus. Er behielt die wesentliche Technologie bei, die er bereits bei der Fotografie von Tierbewegungen eingesetzt hatte, stellte nun jedoch auch bewegte Aufnahmeserien her, die von boxenden oder Wassereimer tragenden Männern bis hin zu Treppen steigenden nackten Frauen reichten. Inzwischen war der Fotograf hauptsächlich für die Universität von Pennsylvania tätig, reiste aber auch viel in andere Länder und war mit stetig wachsender Popularität eingebunden in ein internationales Netzwerk von wissenschaftlich interessierten Künstlern, die sich etwa mit den Anfängen von Biomechanik, Kinetik und Aerodynamik auseinandersetzten. Die öffentliche Vorführung seiner Serien bewegter Tierbilder, die Muybridge mit seinem Zoopraxiskop 1893 anlässlich der World’s Columbian Exhibition in Chicago organisierte, wird, da an das Publikum Eintrittskarten verkauft wurden, von vielen Filmhistorikern als die Geburtsstunde des Kinos betrachtet.

Antiquarisch und angestaubt wirken die von Muybridge vor über hundert Jahren gemachten Aufnahmen heute in unserer Ära der computergenerierten Special Effects und des wie selbstverständlich verfügbaren digitalen Fernsehens. Zwar hätten wir (in Deutschland) liebend gerne eine bessere Rennverfilmung als die derzeit für deutsche Turffreunde verfügbare Technologie, doch wenn man unser Angebot mit den Produkten von Eadweard Muybridge vergleicht, wird schlagartig deutlich, wie ungeheuer rasant sich die Technologie des Filmens und Fotografierens weiterentwickelt hat. Ohnehin leben wir Menschen des frühen 21. Jahrhunderts in einer grundlegend anderen Zeit, wie abschließend eine weitere Episode aus Muybridges schillernder Biographie illustrieren soll:

Der Fotograf stand nämlich 1874, also genau zu der Zeit, als er sich mit dem Fotografieren bewegter Pferdehufe befasste, vor Gericht, weil er den Liebhaber seiner Frau, einen Theaterkritiker namens Harry Larkins, kaltblütig erschossen hatte. Ins Gefängnis kam er für diese Tat allerdings nicht, denn sie galt seinen Zeitgenossen als verständliches, entschuldbares Delikt. Heute wäre eine solche Entscheidung wohl kaum vorstellbar…

Wer mehr über den Fotografen Eadweard Muybridge erfahren möchte, dem seien diese bereits jetzt schon überaus umfangreichen Websites empfohlen, die sich noch im weiteren Aufbau befinden – eine faszinierende Fundgrube für viel, viel mehr als nur alte Aufnahmen galoppierender Pferde:






Vor zwanzig Jahren: Duell der Oldies - Aufgalopp ins Scheitern eines Traums

Es war einmal vor zwanzig Jahren

Spektakulärer kann man einen Einstand wohl kaum gestalten als jenen, den ein völlig neu in Deutschland aktives Turf-Unternehmen namens „Stall Nordpol“ vor inzwischen auch bereits zwanzig Jahren hinlegte. Damals nämlich gewann ein Pferd mit Namen Friedland den damals bereits als Listenrennen ausgetragenen Grand-Prix-Aufgalopp - beim allerersten Auftritt der blau-gelben Rennfarben überhaupt.

Es war der erste Deutschland-Start des zuvor von Sir Henry Cecil trainierten Nijinski-Sohnes Friedland, so dass es nicht leicht fiel, seine ausnahmslos in Großbritannien erbrachten Vorleistungen realistisch einzuschätzen. Dort hatte er sich nicht gerade auf Black-Type-Niveau bewegt, und so kam er auch nur zu einer knapp dreistelligen Quote an den Ablauf. Die Favoritenrolle war an All Top aus dem Stall von Bruno Schütz gegangen, und auch dem französischen Gast Farisi mit Dominique Boeuf im Sattel trauten die Wetter eine gute Leistung zu. Beide Pferde landeten jedoch später nur im Mittelfeld. Dennoch waren meiner Erinnerung nach im Führring alle Augen auf Friedland gerichtet, was jedoch weniger mit seinen drei in Chepstow, Doncaster und Nottingham in Rennen der Class D und Class F errungenen Erfolgen zu verdanken war, sondern der gespannten Erwartung auf den Mann, der Friedland reiten würde. Es handelte sich nämlich um das englische Jockey-Idol schlechthin – Lester Piggott. Der damals immerhin bereits 56 Jahre „junge“ Reiter war – und das konnte zu Beginn der grünen Turf-Saison 1992 getrost als Sensation gewertet werden – als Stalljockey für den Stall Nordpol verpflichtet worden, der zuvor noch kein Pferd an den Start gebracht hatte.

Lester Piggott in voller Aktion

Auf den internationalen Auktionen hatte dieses neue Turfunternehmen damals jedoch durch seine ambitionierten Einkäufe, die kaum Kosten zu scheuen schienen, bereits für Furore gesorgt. Friedland war nur eines von vielen Pferden, das künftig von Trond Hansen in Iffezheim trainiert und in den Farben des Stalles Nordpol erfolgreich Rennen bestreiten sollte. Viel spektakulärer wirkte da etwa der wenig später bekannt gewordene Erwerb des nach der Saison 1991 in drei Rennen ungeschlagenen Winterfavoriten Vincenzo, mit dem man – natürlich! – gleich das Derby ins Visier zu nehmen gedachte. Dass daraus später nichts wurde – nun ja, das konnte im zeitigen Frühjahr 1992 schließlich noch niemand ahnen.

Blickt man zurück in die Sport-Welt-Ausgaben der frühen Saison 1992, so vergeht gefühlt kaum eine Ausgabe ohne die Nennung des Stalles Nordpol in einer Schlagzeile auf der Titelseite. Es müsse von allem das Beste sein, so zitierte im Januar 1992 sogar das Hamburger Abendblatt den fast durchgängig als „Turf-Neuling“ titulierten Unternehmer Arnold Nothdurft, der sich hinter dem Stall Nordpol verbarg und innerhalb kürzester Zeit enorme Summen – von Millionen ist an manchen Stellen die Rede – in seine neue Leidenschaft, den Galopprennsport, investierte. Kein Wunder, dass man da schnell auf ihn aufmerksam wurde und darüber diskutierte, ob solch ein Einstieg quasi mit der Brechstange funktionieren konnte.

Und dann also Lester Piggott – nicht als gelegentlich gebuchter Gastreiter für die angestrebten großen Rennen, sondern tatsächlich als echter Stalljockey… in Deutschland! Ich erinnere mich gut an die Reaktion meines Patenonkels, der nie müde wurde zu berichten, wie er einmal ein großer Anhänger des englischen Meisterjockeys gewesen war, seine Meinung aber nach „der elenden Geschichte mit Literat im Derby 1968“ grundlegend geändert habe. Seitdem war ihm jedes Sympathiegefühl für „den Lester“ vergangen, „egal wie genial der jetzt reitet.“. Seine ziemlich entrüstete Meinung: „Außerdem ist der doch inzwischen alt. Der ist ein Jahr älter als ich. Was soll das denn geben? ICH wette den nicht!“

Dies war eine Meinung, die ganz gewiss nicht von allen Rennbahnbesuchern geteilt wurde, als wir am 22. März 1992 geduldig auf das Erscheinen der englischen Jockeylegende warteten. Man hörte sie tuscheln, die Leute links und rechts, und dann kam er endlich! Ich verband ja damals kaum eigene Erlebnisse mit Lester Piggott, hatte ihn auch, soweit ich weiß, noch nie vorher in Deutschland reiten sehen, aber die spürbare Ehrfurcht, die ihn beim Aufsitzen und seiner Runde durch den Führring begleitete, hat sich auch auf mich übertragen.

„Sollen wir ihn nicht doch wetten?“ startete ich einen schüchternen Versuch unter dem Eindruck des scheinbar denkwürdigen Moments.

„Nix! Der kommt mir nicht auf den Wettschein. Außerdem, seit wann werden wir unseren Pferden untreu?“

Das rückte mein Weltbild schlagartig wieder zurecht, denn natürlich – „wir“ hatten ja auch ein Pferd im Rennen… und was für eines! Lackel hieß er und war im Vorjahr als Dreijähriger in einer beeindruckenden fünffachen (!) Siegesserie durch die Ausgleiche marschiert. Natürlich wollte mein Onkel den Hengst aus dem von ihm stets favorisierten Olymp-Stall wetten.

„Außerdem reitet den der Alafi. Das ist mal ein alter Mann, dem ich mein Geld gerne anvertraue!“

So sprach er mit einem Augenzwinkern und verabschiedete sich in Richtung Wettkasse, während ich, wie immer in Köln, schon einmal Richtung Geläuf aufbrach, um möglichst den Aufgalopp noch zu sehen.

Was dann wenig später folgte, war tatsächlich ein denkwürdiges Rennen, denn es kam zu einem faszinierenden Zweikampf der beiden „alten Männer oder, wie es der Jahresrennkalender festhielt, einem „Duell der Oldies“. Die Favoriten hatten nichts zu melden, und fast schien „unser“ Lackel schon gewonnen zu haben, als Lester Piggott sämtliche Reserven entfaltete und zu einer Aufholjagd ansetzte, die am Ende knapp, wirklich knapp, zum Erfolg führte. Peter Alafi kam es nämlich gar nicht in den Sinn klein beizugeben. Er gab sein Bestes, aber um einen Kopf, mehr nicht, war Friedland im Ziel schließlich vor Lackel. 


Zog 1991 im "Duell der Oldies" knapp den Kürzeren: Peter Alafi
Auch wenn der Ausgang nicht ganz nach meinem Geschmack war, ist mir der packende Endkampf zwischen den beiden Jockeylegenden doch nachhaltig im Gedächtnis geblieben – ebenso wie das breite Grinsen meines Onkels, der mir triumphierend seinen Wettschein präsentierte.

„Da, die zahlt ordentlich, jede Wette!“

Da hatte er doch tatsächlich ohne mir ein Sterbenswörtchen zu verraten ganz spontan für eine Mark die Zweierwette mit den beiden „alten Männern“ gespielt – und zwar zum Glück hin und zurück, so dass er wirklich gewonnen hatte.

„Ich wollte ja erst nicht, weil Piggott aus Prinzip nicht, aber dann dachte ich, ach komm, so zum Spaß!“

Gewonnen also... Hat mich seinerzeit die Höhe des Gewinns gekümmert? Nein, eher nicht, denn mir ging es ja damals schon immer viel mehr um das Erlebnis Rennsport an sich, um die Spannung, das Tempo, die faszinierende Ästhetik der Vollblüter. Da waren Wettscheine für mich immer nur Nebensache. Ich erinnere mich aber noch daran, dass es an jenem Abend zur Feier des Tages Pizza gab, ehe wir den Heimweg antraten, und wenn ich heute in den Rennkalender blicke und sehe, dass die Zweierwette Friedland – Lackel im Grand-Prix-Aufgalopp 1992 stolze 1692:10 gezahlt hat, waren das wirklich zwei sehr erfolgreich investierte Markstücke, die mein Onkel da „so zum Spaß“ ausgegeben hatte. Für uns war es also, obwohl ja unser Favorit denkbar knapp verloren hatte, ein erfolgreicher Renntag gewesen. Auch im Lager des Stalles Nordpol dürfte man sich über diesen Einstand nach Maß gefreut haben. Was konnte schließlich Besseres passieren als gleich beim ersten Versuch einen Black-Type-Sieger in den eigenen Farben vom Geläuf holen zu können?

Ein Omen für künftige Sensationen? Man wird es sich erhofft und gewünscht haben, doch zerplatzten in den folgenden Wochen und Monaten alle Träume des Arnold Nothdurft wie eine ganze Schar von Seifenblasen. Wie viel Pech ein Stall haben kann, und das auch noch in kürzester Zeit, das erlebten der „Turf-Neuling“ Arnold Nothdurft und sein Team schon bald. Siege blieben nämlich nach dem Einstandserfolg absolute Mangelware. Zwar gelangen einige Platzierungen, so etwa mit einem weiteren englischen Import namens Autocracy im Orakel der Dreijährigen (Lester Piggott am Raffelberg in Mülheim!!!), aber wenn man bedachte, mit welchen hohen Vorstellungen man wohl all dieses Geld auf den Auktionen investiert hatte, konnten Platzierungen allein kaum zufriedenstellen. Auch ein weiterer Sensationseinkauf, der Arc-Fünfte des Vorjahres namens Pigeon Voyageur, wurde Anfang Mai 1992 im Gerling-Preis lediglich Fünfter hinter Lomitas und anderen deutschen Galoppern. Das muss eine handfeste Enttäuschung gewesen sein, über die auch einige wenige „kleinere“ Siege kaum hinwegtrösten konnten.

Und so traten schon bald die ersten Kritiker auf den Plan, die es – natürlich! – bereits vorher gewusst hatten. Arnold Nothdurft sei selbstverständlich schlecht beraten worden bei all seinen teuren Auktionskäufen. Autocracy etwa habe mit acht Zweijährigenstarts trotz gewisser Erfolge eine viel zu harte Saison absolviert, so erklärten sie, und sei „platt“. Man ist geneigt, dieser Einschätzung rückblickend  zuzustimmen, denn weder im Frankfurter Preis der Steigenberger Hotels, noch Anfang Mai im Mehl-Mülhens-Rennen konnte der teure Hoffnungsträger auch nur entfernt überzeugen. In Köln wurde er gar nur Letzter, um anschließend für den Rest der Saison von der Bildfläche zu verschwinden. Und dann Vincenzo… Der war sicher alles andere als ein schlechtes Rennpferd, und sein zweiter Platz hinter einem gewissen Platini im Dr. Busch-Memorial mochte ja noch akzeptabel gewesen sein, denn der war ja ebenfalls bereits doppelter Zweijährigensieger und im Preis des Winterfavoriten Zweiter hinter Vincenzo gewesen. Ein würdiger Gegner also, gegen den man durchaus verlieren durfte, wenn man Pech hatte... Doch dann folgte der Hertie-Preis in München, in dem Vincenzo dramatisch schlecht lief und in einem Elferfeld nur Neunter wurde. Nasenbluten...


Auch von Vincenzo sah man im weiteren Saisonverlauf 1992 nichts mehr. Doch sein Ausfall blieb leider kein Einzelereignis. Und Pigeon Voyageur? Nun, der lief noch einmal in Hamburg im Hansa-Preis und wurde… Letzter. Während Lomitas vorne seiner triumphalen Karriere einen weiteren großen Sieg hinzufügte, gingen die großen Träume von Arnold Nothdurft in diesem Moment wohl endgültig baden.


Hektik brach aus, von einem Virus im Stall war im weiteren Saisonverlauf die Rede, von schädigenden Wasseradern unter dem Stallgebäude gar. Das Kapitel Lester Piggott, das mit Friedlands Sieg im Kölner Grand-Prix-Aufgalopp so vielversprechend begonnen hatte, war da schon längst erledigt, denn ausgerechnet jener Friedland war es, auf dem der englische Maestro am 26. Mai 1992 in Baden-Baden seinen letzten Deutschland-Ritt in den Farben des Stalles Nordpol absolvierte. Im Silbernen Pferd, einem Ausgleich I über Derbydistanz, wurden sie – richtig! – Zehnte und Letzte. Liest man im Rennkalender von drückender Schwüle und einem von Friedland „höllisch schnell gelaufenen Rennen“, so liegt der Verdacht nahe, dass der Meisterjockey wahrlich keinen meisterlichen Tag erwischt hatte. Am Ende wurde er mit Friedland sang- und klanglos überlaufen und endete deutlich mehr als eine Weile (!) hinter dem Sieger.


Zu sehen bekam das deutsche Turfpublikum Lester Piggott durchaus noch gelegentlich, so etwa Anfang September 1992, als er sich mit dem von Lord Huntingdon trainierten Sharp Prod in den Farben von Königin Elizabeth II. das Moet & Chandon-Rennen in Iffezheim holte. Auch in Hoppegarten hatte er im Monat zuvor mit dem Sieg auf Mr. Brooks im Großen Preis von Berlin einen kapitalen Treffer landen können. Dass bei jener Gelegenheit Dawson Place, also ein Pferd in den Farben seines Kurzzeit-Arbeitgebers vom Stall Nordpol, lediglich hinterherlief und Achter wurde, war scheinbar nur traurig-symptomatisch für das gesamte Geschehen um Arnold Nothdurfts Turfunternehmen. 

Zunehmend brach im Verlauf der Saison Hektik aus im Quartier des Stalls Nordpol, zumal nicht wenige Rennbahnbesucher und Turfjournalisten ein gewisses Maß an Häme kaum verstecken konnten oder wollten. Von Wünschelrutengängern war da plötzlich die Rede, die die gefährlichen Wasseradern suchten... nun ja. Viele Köche wollten in den Topf mit der trotz erlesener Zutaten mysteriös so gar nicht schmackhaften Suppe schauen, viele Berater berieten, aber nicht alle hatten wohl vornehmlich uneigennützige Ziele. Von Ausnutzung war die Rede, von Leichtgläubigkeit ebenso...


Wie dem auch sei: Nichts wollte so recht funktionieren, und so wechselten die Nordpol-Pferde im Sommer urplötzlich das Quartier und landeten bei Erika Mäder in Krefeld. Dort gelang immerhin ein Sieg mit Dawson Place, doch kaum waren die Pferde da, waren sie auch schon wieder fort und gingen zurück in die Obhut ihres alten Trainers Trond Hansen. Sicher hatte Arnold Nothdurft sich sein Engagement im Galoppsport grundlegend anders vorgestellt, doch für Schlagzeilen sorgten inzwischen fast nur noch solche Kabinettstückchen statt großer Siege seiner Pferde. Ein wenig schien sich die Situation in Richtung Herbst 1992 zu stabilisieren, doch auch wenn mit Canadian Prince und Dawson Place Treffer in (immerhin!) Listenrennen gelangen, war der Stall Nordpol schon längst eher zu einem Objekt der Schadenfreude als zu einem brillierenden Wunderkind des deutschen Turfs geworden.

Doch man gab nicht auf, sondern überstellte Anfang 1993 praktisch alle Pferde in ein topmodernes Quartier in Warendorf, wo sie künftig unter der Obhut von Georg Ording vorbereitet werden sollten. Der ehemalige große Hoffnungsträger Vincenzo tauchte wieder auf und machte seine Sache mit neuer Kraft durchaus gut, so dass er sich Ende 1993 in Mailand immerhin ein Grupperennen holen konnte. Mit Pigeon Voyageur war jedoch auch nach diesem erneuten Trainer- und Standortwechsel kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Friedland gelang zumindest eine Wiederholung seines Vorjahrestreffers im Kölner Grand-Prix-Aufgalopp, ehe auch er erneut seine Form verlor.

Durfte ebenfalls Nordpol-Pferde trainieren:
Erika Mäder

In den Folgejahren durften dann neben Georg Ording mit Jutta Schultheis in Warendorf und erneut Erika Mäder auch zwei der damals im deutschen Rennsport angesagtesten Trainerinnen Nordpol-Pferde vorbereiten, ehe schließlich 1996, als das Engagement des einst so engagierten Besitzers zahlenmäßig schon deutlich zurückgefahren worden war, auch Hans-Albert Blume bedacht wurde. Mit dem Namen Val di Taro, einem Bruder von Vincenzo, verbanden sich noch einmal allergrößte Hoffnungen, doch konnte der Hengst diese nie so recht umsetzen. Er gewann ein Sieglosenrennen, war dann aber in der Dortmunder Derbyvorprüfung lediglich Fünfter. Er startete dennoch in Horn, wo er sang- und klanglos als Dreizehnter ins Ziel trudelte und die Saison bereits beenden musste. Als Fünfjähriger gewann er immerhin nach einer langen Pause in den Farben seines Trainers einige Rennen bis hinauf in den Ausgleich I.

Der Stall Nordpol war damals jedoch bereits weitergezogen. Mal wieder...

Noch ein Nordpol-Trainer:
Mario Hofer

Die Hofer-Brüder waren nach einer gewissen Durststrecke neuer Motor für Arnold Nothdurfts Turf-Aktivitäten, aber auch hier blieben die ganz großen Erfolge aus, so dass nach einer Phase bei Urs Suter schließlich kurz nach der Jahrtausendwende keine Starter in den Farben des einst so hoffnungsvoll und mit gewaltigem finanziellem Aufwand gestarteten Stalls Nordpol mehr zu verzeichnen waren. Friedland, mit dem diese „Es-war-einmal“-Geschichte begann, wurde übrigens Deckhengst, zunächst in der Tschechischen Republik, ehe er laut www.pedigreequery.com 2004 in Polen aufgestellt wurde. Bedeutende Spuren scheint er dort allerdings nicht hinterlassen zu haben.

Gibt es eine Moral von der Geschicht‘? Vielleicht… und sicher auch eine Menge möglicher und unmöglicher Erklärungsversuche… Aber vielleicht sollte am Ende das Bedauern überwiegen, dass ein ehrgeiziges Projekt aus welchen Gründen auch immer am Ende ziemlich sang- und klanglos endete. Daraus hätte deutlich mehr werden können.

Montag, 17. Oktober 2011

Vor 41 Jahren: Favoritin für den Winter

Seit gestern Nachmittag steht fest, welcher Zweijährige mit dem ebenso ehren- wie hoffnungsvollen Titel des Winterfavoriten 2011 (hoffentlich gut!) überwintern darf. Tai Chi hat das große Rennen in Köln-Weidenpesch gewonnen und damit zumindest mich doch einigermaßen überrascht. Aber ein würdiger Sieger ist er dennoch, und mit seinem Erfolg setzt er eine lange Serie fort, denn seit über dreißig Jahren wurde diese wichtige Prüfung für den Rennbahn-Nachwuchs stets von einem Hengst gewonnen. Bis ins Jahr 1980 muss man zurückgehen, um mit der Röttgenerin Anna Paola eine Winterfavoritin statt eines Winterfavoriten zu finden. Und wiederum genau zehn Jahre vor dieser Stute, die im folgenden Jahr immerhin den Preis der Diana gewinnen konnte, hatte es bereits schon einmal eine Winterfavoritin in den traditionellen Röttgener Rennfarben gegeben. Ihre Geschichte, die am 17. Oktober 1970 einen Höhepunkt erreichte, habe ich vor einem Jahr bereits aufgeschrieben. Hier folgt die leicht überarbeitete Version:


Es war einmal vor 41 Jahren

Sie war eine kleine Hübsche mit einer interessant geformten, langen Blesse, eine, die auf den erhaltenen Schwarz-Weiß-Bildern mit augenscheinlicher Begeisterung und viel Engagement galoppiert und dabei weit die Ohren spreizt… und sie hatte einen äußerst amüsanten Namen: Widschi.

Winterfavoritin Widschi auf dem Weg zum Sieg 
Am 17. Oktober 1970, gewann Widschi für ihr Heimatgestüt Röttgen das Rennen, das gestern Nachmittag wieder in Köln ausgetragen wurde, und avancierte zur… nun ja, zur Winterfavoritin, einer Ehre, die nur wenigen zweijährigen Stuten bislang zuteil wurde. Üblicherweise geben nämlich die Hengste in dieser hochrangigen Traditionsprüfung für zweijährige Hoffnungsträger den Ton an. Auch im Jahre 2011 war das nicht anders, denn es kam überhaupt keine Stute an den Start. Seit Widschis Sieg hat es ihr auch erst eine Geschlechtsgenossin gleichgetan, nämlich Anna Paola, ebenfalls eine Röttgenerin, die das Rennen 1980 gewinnen konnte.

Mit ihrem Kölner Sieg, der gegen den späteren Derby-Sieger Lauscher und den Hengst Naipur (im folgenden Jahr Vierter im Derby) ausgesprochen komfortabel ausfiel, trat die kleine Widschi zudem in die Fußstapfen ihres Vaters Dschingis Khan, der 1963 bereits zum Winterfavoriten avanciert war. Mitte der Geraden, so vermerkt es das Album des Rennsports, hatte sich eine Lücke aufgetan, Widschi – gesteuert von keinem Geringeren als dem großen französischen Jockeyidol jener Tage Yves Saint-Martin – hatte sie genutzt und war dem Feld rasch enteilt. 

Röttgen - Heimat von Widschi, Anna Paola und vieler anderer ausgezeichneter Rennpferde
Und dabei war die Siegerin, die im Absattelring von der in einen kostbaren Pelz gehüllten Maria Mehl-Mülhens liebevoll gestreichelt wurde, eigentlich gar nicht die große Hoffnung des Gestüts für die Zweijährigensaison gewesen. Diese Rolle kam einem Hengst namens Guardi zu, der auch nicht enttäuscht hatte, aber kurz vor dem Winterfavoriten wegen eines warmen Beins im Stall bleiben musste. So musste eben Widschi in die Bresche springen und bekam dann auch den französischen Star-Jockey in den Sattel gehoben.

Widschis Reiter Jockey-Idol Yves Saint-Martin, hier im Sattel von Allez France
Die Stute hatte zu jenem Zeitpunkt bereits eine recht ambitionierte Saison hinter sich gebracht, obwohl sie erst am 21. Mai 1968, und damit vergleichsweise spät im Jahr, das Licht der Welt erblickt hatte. Sie war so früh wie überhaupt nur möglich für eine Zweijährige, nämlich im Versuchsrennen der Stuten im Juni 1970 in Köln, debütiert, hatte gleich gewonnen und sich auch bereits das renommierte Sierstorpff-Rennen in Dortmund und das Horster Criterium an die Fahnen geheftet. Einzig im Ratibor-Rennen hatte sie sich nicht platzieren können, und im Preis der Winterkönigin fehlte ihr lediglich eine Halslänge, um diesen beeindruckenden Resultaten noch einen weiteren Sieg hinzuzufügen. Der Start im Preis des Winterfavoriten bedeutete so aber für die Zweijährige bereits den sechsten (!) Rennbahnauftritt. Da kann nicht einmal der Winterfavorit des Jahres 2011 Tai Chi, der es immerhin auf fünf Rennen brachte, von denen er vier gewinnen konnte, konkurrieren.

Zu viel, zu früh? Darüber kann man natürlich höchstens spekulieren. Nach dem Preis des Winterfavoriten bezog Widschi jedenfalls Winterquartier und meldete sich gleich beim folgenden Rennen am 23. Mai 1971 in Gelsenkirchen-Horst mit einem erneuten Sieg zurück. Die Stute, nunmehr klassische Siegerin, denn dieses Rennen war keine geringere Konkurrenz als das Henckel-Rennen gewesen, hatte offenbar nichts verlernt. Ihr beträchtlicher Anhang konnte also weiterhin größte Hoffnungen auf die Dreijährigen-Saison der Röttgenerin hegen. Von Guardi, ihrem Stallgefährten, der noch deutlich besser gewesen sein soll als sie, sprach man 1971 nicht mehr.

Allerdings war auch Widschi nach ihrem triumphalen Jahresdebüt kein Rennbahn-Glück mehr beschieden. Im Gegenteil… Sie war plötzlich immer wieder krank und fieberte, so dass zwei geplante Starts auf höchster Ebene im Union-Rennen und im Preis der Diana abgesagt werden mussten.

Erst im Deutschen Derby am 4. Juli 1971 bekam das Rennbahnpublikum Widschi wieder zu Gesicht, und ihre Stellung als zweite Totofavoritin hinter dem Union-Sieger Florino mit 48:10 verdeutlicht das große Vertrauen, dass die Wetter trotz der vergleichsweise langen Pause in die fantastische Stute setzten.


Derbysiegerin wurde Widschi jedoch nicht. Diese Ehre ging an Lauscher, den sie bereits im Preis des Winterfavoriten geschlagen hatte. Die Stute kam, nachdem sie sich beim Start den Kopf gestoßen und verspätet abgesprungen war, weit hinter dem Sieger ins Ziel, hatte aber noch eine große Aufholjagd gestartet, so dass sie sich immerhin auf den zwölften Platz im Siebzehnerfeld vorkämpfte. Das aber war wohl zu viel für sie gewesen, denn unmittelbar nach dem Zieleinlauf ereignete sich im Horner Bogen ein dramatischer Zwischenfall, als Widschi urplötzlich wie ein Stein zu Boden ging. Das heftig bewegte Publikum, das den Vorfall aus nächster Nähe beobachten konnte, musste denken, dass die Stute tot war, denn sie bewegte sich zunächst lange nicht und gab auch keine Lebenszeichen von sich. Für zusätzliche Entrüstung sorgte noch die Tatsache, dass in all der Aufregung nach dem gerade erst entschiedenen Derby der Tierarzt lange auf sich warten ließ, ehe er sich um Widschi kümmern konnte.

Schließlich – und zur unendlichen Erleichterung der vielen besorgten Zuschauer – stand Widschi doch wieder auf und ließ sich führen. Dennoch dauerte es sehr lange, bis sie wieder gesund wurde. Eine Rennbahn hat die Röttgenerin anschließend nicht mehr betreten können, und so betitelte das Album des Rennsports Widschi auch als „Klasse-Stute ohne Glück“. Diese Charakterisierung blieb ihr leider auch in ihrer wenig erfolgreichen Zucht-Karriere i n ihrem Heimatgestüt treu. Widschi, in deren mütterlicher Linie sich so erfolgreiche Rennpferde wie Woge, Wicht und Waldcanter finden, brachte es nur auf eine Handvoll Fohlen, von denen keines auch nur entfernt an ihre Glanztaten auf der Rennbahn anknüpfen konnte.

Auf der Rennbahn aber, damals vor einundvierzig Jahren, war sie die Größte gewesen!




Sonntag, 16. Oktober 2011

Vor 45 Jahren: Benzolring mit Aminogruppe mal drei

Umzugsbedingt hatte dieser Blog eine Weile lang Pause, aber nachdem nun auch die Küche montiert ist und fast (!) alle Kartons ausgeräumt sind, kann es hier munter weitergehen. In der Zwischenzeit hat Danedream als frische Arc-Siegerin die deutsche Galopperwelt begeistert und zumindest ein wenig für mehr Medienpräsenz unseres tollen Sports gesorgt.

Wenn eins der wichtigsten Rennen eines Landes – oder gar das allerwichtigste überhaupt wie im aktuellen Fall des Prix de l’Arc de Triomphe 2011 – von einem ausländischen Gast „entführt“ wird, können die Reaktionen der Einheimischen schon einmal eher verhalten ausfallen. Meistens haben sie sich ja doch den Sieg eines ihrer „eigenen“ Pferde gewünscht. Dies ist wohl nur natürlich – und doch gibt es unter solchen weitgereisten Vierbeinern dann auch manchmal derart große Stars, dass ihre Herkunft an Bedeutung verliert und es ihnen gelingt, auch das heimische Publikum zu begeistern.

Um dieses Ziel zu erreichen, sind Siege in Serie natürlich ein besonders geeigneter Weg. In Deutschland demonstrierte dies wie kaum ein anderes Rennpferd vor immerhin über vierzig Jahren ein Gast, der sogar mehrfach eine besonders weite Anreise hinter sich bringen musste, um zu gewinnen… und zu gewinnen… und zu gewinnen.


Es war einmal... vor 45 Jahren

Er war (nicht unbedingt sehr poetisch) nach einem Benzolring mit einer Aminogruppe benannt, doch das Kölner Publikum störte sich wenig daran, denn in den Jahren 1965 bis 1967 gelang diesem Pferd namens Anilin im damals noch sehr jungen, aber äußerst ambitionierten Weidenpescher Prestige-Rennen, dem 1963 ins Leben gerufenen Preis von Europa, ein lupenreiner Hattrick. Und wenn nicht schon seine exotische Herkunft den in seiner Heimat Russland und den umliegenden Ländern des Ostblocks ungeschlagenen Hengst für die Kölner zu etwas Besonderem gemacht hätte, so tat dies spätestens seine Weltenbummler-Tour, die den 1961 geborenen Anilin außer nach Köln unter anderem auch noch nach Paris und Washington D.C. führte. Und das mitten im Kalten Krieg…

Anilin als Chemie-Piktogramm... Da ziehe ich doch die vierbeinige Variante deutlich vor!
Anilin scheinen mögliche politische Hintergründe seiner Auftritte auf westlichen Rennbahnen jedoch nicht großartig gekümmert zu haben, denn fast überall, wo er im Westen antrat, konnte er ähnlich wie in seiner Heimat überzeugen. Wen wundert es, dass er für die Sowjetunion zu einem vierbeinigen Werbeträger wurde, der außer stattlichen Geldpreisen in begehrten Devisen nebenbei auch noch etwas für den Ruhm des Landes tun sollte?

Eins der wenigen verfügbaren Bilder des vierbeinigen Anilin


Wer genau nun hinter den gerade in den Sechzigern regelmäßig erfolgenden Expeditionen sowjetischer Pferde ins westliche Ausland steckte, ist aus den Quellen nicht ganz eindeutig zu ermitteln – ebenso wie der Trainer, der letztlich für die lukrativen Treffer von Anilin verantwortlich war. Mal ist von einem Leiter des staatseigenen Vollblutkollektivs namens Rogalewitsch die Rede, dann wieder von Staatstrainer Pjotr Parischew. Der Rennkalender des Jahres 1965 vermerkt als Trainer einen Herrn namens W. Schimschirt, während in den beiden folgenden Jahren der siegreiche Jockey Nikolai Nassibow auch zugleich an der Stelle des Trainers angegeben ist. 
Geniales Gespann: Nikolai Nassibow und Anilin
Fest steht allerdings offenbar, dass die Verantwortlichen der sowjetischen Vollblutzucht Ende der Fünfziger und Anfang der Sechziger Jahre intensiv in die Leistungsverbesserung ihrer vierbeinigen Stars investierten. Geradezu wissenschaftlich muten die Schilderungen eines scheinbar detailliert informierten SPIEGEL-Journalisten an, der die verschiedenen Strategien schildert, die eingesetzt wurden, um am Ende Pferde zu züchten und zu trainieren, die nicht nur im Westen konkurrenzfähig waren, sondern bei ihren Ausflügen durchaus auch einmal der „kapitalistischen“ Konkurrenz die Hufe zeigen konnten.


So eben wie Anilin… Die Kölner Rennbahn war dem Hengst ebenso wie seinem Reiter Nikolai Nassibow (in deutschen Artikeln gerne malerisch stereotyp als „pockennarbiger Georgier“ bezeichnet“) bereits bekannt, denn im Vorjahr hatte der damals Dreijährige dort bereits das über 1800 Meter führende Robert-Pferdmenges-Rennen gewinnen können. Zweiter war damals übrigens ein weiteres sowejtisches Pferd namens Grafolog gewesen – erst fünf Längen dahinter hatte sich mit Novalis der beste deutsche Vertreter platzieren können.

Man kannte die Gäste aus dem Ostblock also durchaus, und auch wenn es nun am 17. Oktober 1965 um eine 600 Meter längere Strecke ging, traute man ihnen offenbar alles zu. Ob die Tatsache, dass Anilin zwei Wochen zuvor im Prix de l’Arc de Triomphe gar nicht einmal schlecht gelaufen war, hier eine Rolle spielte? 

Es muss wohl so gewesen sein, denn anders lässt sich die enorme Favoritenstellung des Gespanns Anilin-Nassibow vor dem Start des Rennens kaum erklären. Obwohl mit Opponent immerhin der erste Sieger im Preis von Europa am Start war, obwohl der Ravensberger Waidwerk, der Zoppenbroicher Kronzeuge oder Mercurius ja wahrlich keine schlechten Pferde waren, avancierten die russischen Gäste nämlich zu sagenhaften 10:10-Favoriten in einem Feld, das ansonsten durch die Bank dreistellig am Toto stand. Die Zahl der Menschen, die sich nach dem Zieleinlauf zum fröhlichen Geldwechseln an die Auszahlkassen begeben durften, muss enorm gewesen sein, denn Anilin erfüllte ihre Hoffnungen mit einem überlegenen Vier-Längen-Sieg vor Kronzeuge und dem französischen Gast Lagopede.

Im folgenden Jahr trat Anilin also als Titelverteidiger in Köln an. Diesmal jedoch war seine Favoritenstellung am Toto – in der damals noch existierenden Stallwette kombiniert mit dem anderen sowjetischen Starter Anschlag – mit 30:10 weniger exponiert. Auch dem deutschen Hengst Bandit und vor allem dem französischen Gast Carvin traute das Publikum an diesem unangenehm regnerischen Oktobertag auf durchgeweichtem Boden etwas zu. Ganz Unrecht sollten die Wetter mit ihrer vergleichsweise vorsichtigeren Haltung gegenüber einer möglichen Titelverteidigung von Anilin am Ende nicht gehabt haben, denn er gewann zwar, doch es wurde ungeheuer knapp. 

Ein britisches Pathé-Newsreel, das als echtes Archivschätzchen erhalten geblieben ist, zeigt den Ablauf des Rennens.


Da ist der vor Kraft strotzende Anilin mit seiner unverwechselbaren breiten Blesse zu sehen, der gleich nach dem damals noch mit Bändern erfolgten Start in der Spitzengruppe galoppiert, sich danach an der Spitze das Rennen selbst macht, um im Zielbogen aus guter Lage davon zu streben. Dass Jockey Nassibow dabei offenbar so etwas Ähnliches wie ein durchsichtiges Plastik-Regencape über seinem Dress trägt, das munter im Wind flattert, gehört zu den Kuriositäten am Rande dieses sehenswerten, leider aber stummen Filmchens.

Wenige Bilder später zieht Anilin in der Bahnmitte auf dem einem umgepflügten Acker gleichen Geläuf scheinbar unwiderstehlich davon. Es scheint eine Demonstration seiner überlegenen Klasse zu werden, bis... huch! Wenige Meter vor dem Zielspiegel taucht noch ein weiteres Pferd außen an de Rails auf und holt in flotten Sprüngen Meter um Meter auf: Salvo, ein Gast aus England mit Jockey Joe Mercer im Sattel!

Joe Mercer - nach dem Kölner Rennen wohl weniger zufrieden als hier
Sollte die Wende gegen den zunächst so überlegen wirkenden Anilin doch noch zu schaffen sein?

Für das trotz aller Regenschirme ordentlich durchfeuchtete Kölner Publikum muss diese Aufholjagd enorm spannend gewesen sein, denn ganz zuletzt, in dem Moment, in dem die beiden Paare das Ziel erreichten, schienen Salvo und Mercer es tatsächlich geschafft zu haben. Knapp vorbei an Anilin, auf den allerletzten Drücker!

Oder doch nicht?

Das Resultat ist bekannt: doch nicht. Gewonnen hatten Anilin und Nikolai Nassibow und damit erfolgreich ihren Titel aus dem Vorjahr verteidigt.

Oder… oder etwa doch nicht?

Die englischen Gäste jedenfalls protestierten, denn Joe Mercer war sich sicher, genau am Zielspiegel vorne gewesen zu sein. Hatte ihn sein Gespür etwa getrogen?



Zum intensiv diskutierten Streitobjekt wurde schließlich das Zielfoto, denn auf diesem fehlte, weil die Spur ganz außen an den Rails wegen der Position, in der die Kamera angebracht war, nicht erfasst wurde, Salvo ganz einfach. Auch das Negativ half nicht wirklich weiter, da vielleicht der Spiegel wegen des nasskalten Wetters beschlagen gewesen war oder sich die gesamte Aufholjagd gleich in einem toten Winkel abgespielt hatte. Ein ziemlicher Skandal eigentlich – und zu Recht damals heftig diskutiert, auch wenn die genauen Hintergründe von Anilins zweitem Sieg im Preis von Europa heute schon fast im Nebel der Geschichte entschwunden zu sein scheinen.



Salvo, der möglicherweise schnöde um den Sieg gebrachte Zweite, hielt sich im kommenden Jahr schadlos, als er in Baden-Baden den Großen Preis gewann, doch wird dies nur ein mäßiger Trost für die Beteiligten gewesen sein, die sich sicher waren,, dass sie Anilin eigentlich eine Niederlage beigebracht hatten. Das Ergebnis blieb jedoch trotz aller Diskussionen unverändert – Glück für Anilin und sein Kollektiv, und so bekam der vierbeinige „Klassenfeind“ schließlich sogar Möhrchen und tätschelndes Lob aus der Hand keines Geringeren als Bundespräsident Lübke. Und das mitten im Kalten Krieg…

Aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei, und so kamen Anilin und Nassibow auch 1967 wieder an die Stätte ihres doppelten Erfolgs zurück. Diesmal wurden sie gleich von zwei Lands"pferden" namens Aktasch und Dagmar begleitet, doch waren diese eher schmückendes Beiwerk, als Anilin die deutsche und internationale Konkurrenz regelrecht demontierte und selbst dem großen deutschen Helden Luciano, Sieger im Derby, im Aral-Pokal und im St. Leger, nicht den Hauch einer Chance ließ. Vier Längen waren es, die der sowjetische Vorzeigegalopper seinem deutschen 15:10-Konkurrenten aus dem Stall von Trainer Sven von Mitzlaff am Ende abnahm – und das mit 6,5 Kilo mehr an Gewicht im Sattel. Was für ein Pferd!

Drei Treffer im Preis von Europa – das ist seither keinem anderen Galopper mehr gelungen, und so ist Anilin mit seinem Jockey Nikolai Nassibow zu Recht in die Annalen des deutschen Galopprennsports eingegangen. An diese spektakulären Erfolge konnten die späteren sowjetischen Expeditionen in den Westen nie wieder anknüpfen, obwohl sie es bis in die Neunziger Jahre hinein immer wieder versuchten. Anilin blieb eben ein Ausnahmepferd.

Zeit verging, und Nachrichten über das weitere Schicksal des Dreifach-Siegers von Köln waren angesichts des politischen Klimas rar. Er ging in seiner Heimat  in die Zucht, wo er nicht nur bei den Vollblütern, sondern z.B. auch bei den Trakehnern seine Spuren hinterließ.

Anilin-Spuren in der Trakehnerzucht

Indirekt war der offenbar um 1975 eingegangene Anilin Anfang der Achtziger Jahre in einen Beinahe-Skandal verwickelt, als herauskam, das einer seiner Nachkommen namens Gasolit, der wie sein berühmter Vater eine Einladung für den Preis von Europa 1981 erhalten hatte, offenbar nicht das Produkt eines wie in der Vollblutzucht vorgeschriebenen Natursprungs sein konnte. Da war wohl bei Gasolits Zeugung 1977 schon seit einiger Zeit tiefgefrorener Anilin-Samen im Spiel gewesen, und so lud man in Köln Gasolit unzeremoniell wieder aus. Der SPIEGEL, nie verlegen um drastische Wortwahl, sprach damals süffisant von den „ehrpusseligen Vollblutkreisen in Deutschland“, die an der scheinbar nicht länger zeitgemäßen Tradition des Natursprungs festhielten.

Auch der Große Preis von Europa 2011 hat mit dem fantastischen Campanologist einen ausländischen Gast als Sieger gesehen, der sogar noch weiter in der Welt herumgekommen ist als seinerzeit Anilin. 

Campanologist - auch 2011 ein Gästeerfolg im Preis von Europa
Auch er scheint die Kölner Bahn zu mögen, hat er doch hier bereits zwei Gruppe-I-Treffer an sich bringen können. Ob er es Anilin aber eines Tages im Hinblick auf den Preis von Europa-Hattrick gleichtun können wird, ist eher fraglich, denn Campanologist ist schließlich bereits sechs Jahre alt. Und dennoch – manchmal sind es bei allem notwendigen Lokalpatriotismus gerade die Gäste von anderswo, die uns besonders zu begeistern vermögen. Man muss eben auch gönnen können!

Donnerstag, 1. September 2011

Vor vierzig Jahren: Fundstück

Umzüge bringen es ja so mit sich, dass einem beim Einpacken und Ausmisten manchmal interessante Besitztümer in die Hände fallen, deren Existenz man schon beinahe vergessen hatte. So ging es mir in der vergangenen Woche beim Ausräumen meiner nicht gerade schwach bestückten Bücherregale ebenfalls, als ich einen Stapel alter Rennprogramme aus Hamburg und Baden-Baden fand. Die insgesamt acht Hefte stammen aus dem Jahr 1971, sind also genau vierzig Jahre alt, und gehen auf eine Zufallsentdeckung bei einem bekannten Online-Auktionshaus zurück. Spontan hatte das Angebot vor einer Weile meine Neugier geweckt, so dass ich das Mindestgebot abgab und einfach abwartete. Scheinbar teilte damals niemand mein Interesse an den Programmen, so dass es dabei auch nach sieben Tagen noch blieb - und drei, zwei eins, waren die Hefte meins! 


Bei der anschließenden Kontaktaufnahme mit dem Verkäufer stellte sich heraus, dass er nichts mit der Post verschicken musste, weil unsere Arbeitsstätten nur fünf Kilometer voneinander entfernt lagen. Ich fuhr also nach Schulschluss bei ihm vorbei, überreichte grinsend den Euro und kam in den Genuss eines sehr netten Gesprächs mit einem freundlichen Zeitgenossen. Er selbst konnte zwar mit Galopprennsport - und folglich auch mit den alten Programmen - gar nichts anfangen, aber er erzählte mir von seinem kürzlich verstorbenen Großvater, aus dessen Besitz das Heftkonvolut stammte. Der war offenbar ein begeisterter Rennbahngänger gewesen, der früher auch regelmäßig zu den großen Meetings fuhr und die Hefte akribisch sammelte. Überrascht war der Enkel davon, dass sich ein Mensch etwa seines Alters für diese Druckerzeugnisse interessierte, denn er hatte gedacht, Pferderennen seien nur etwas für ältere Männer wie seinen Opa. Da konnte ich ihn allerdings vom Gegenteil überzeugen...


Und weil es gerade so schön in den Kalender passt, weil ich außerdem morgen selbst nach Baden-Baden fahre (*freu*), und weil ich die alten Programmhefte gleichzeitig schön und wegen ihres Alters stellenweise amüsant skurril finde, habe ich mir das Exemplar herausgesucht, das heute vor exakt vierzig Jahren, also am 31. August 1971, in Iffezheim verkauft und benutzt wurde, um eine kleine Reise zurück in die Vergangenheit zu unternehmen.


Es war einmal vor vierzig Jahren...


An jenem letzten Tag des Monats August 1971 war Willy Brandt deutscher Bundeskanzler, während in der DDR Erich Honecker erst vor kurzer Zeit Walter Ulbricht an der Spitze der Macht abgelöst hatte. Mitten im Kalten Krieg bestimmten US-Präsident Richard Nixon und auf Seiten der Sowjetunion Leonid Breschnew die Geschicke der Weltpolitik, während einige Golfstaaten wie Katar und Bahrain gerade dabei waren ihre Unabhängigkeit zu verwirklichen. Was die Bundesbürger bewegte, mag ganz unterschiedlicher Natur gewesen sein - vielleicht war es das aktuell verabschiedete und typische deutsche Substantiv-Monster Bundesausbildungsförderungsgesetz, abgekürzt BAFöG, oder der Bundesligaskandal, der der Deutschen liebsten Sport mächtig in Verruf brachte. Mangos und Kiwis würden die Westdeutschen jedenfalls erst Ende September jenes Jahres kennen lernen, und auch sonst wird das Warenangebot deutlich eingeschränkter gewesen sein als in unserer heutigen globalisierten Konsumgesellschaft.


Was es aber schon damals gab, waren die traditionsreichen Rennen in Baden-Baden - und passend zu diesem Ereignis auch ein Programmheft in einem warmen Orangeton, das zum Preis von 1,- DM erworben werden konnte. Der Großvater meines Auktionspartners hatte ein solches Heft erstanden und es im Verlauf des Renntags, des dritten innerhalb der gesamten Meetingswoche, per Kugelschreiber gewissenhaft mit Notizen und Zusatzinformationen gefüllt. So kann man sich heute, vierzig Jahre später, noch ein genaueres Bild von den Ereignissen jenes Nachmittags auf der Iffezheimer Rennbahn machen, der ganz ohne PMU um 14.00 Uhr begann. Weich war der Boden offenbar, und insgesamt standen neun Rennen auf der Karte, deren Titel auch heute noch gelegentlich als Namensgeber dienen. Der Yburg-Ausgleich und der Preis des Casinos Baden-Baden sind jedenfalls nicht völlig aus der Mode gekommen.


Wo es heute im Hinblick auf Nachwuchsförderung oft mit einem Ponyrennen losgeht, stand damals zu Anfang der Tageskarte ein so genanntes Lehrlingsreiten. Die ganz große Karriere hat keiner der immerhin dreizehn am Start versammelten Nachwuchsmänner später gemacht, auch wenn uns der eine oder andere Name heute noch als (Besitzer-)Trainer vertraut ist. Für einen jungen Mann namens Volker Griebel brachte dieses Rennen im Sattel des von Hein Bollow trainierten vierjährigen Wallachs Beständer eine Sternstunde, gewann er doch eines der beiden überhaupt von ihm in seiner nur zwei Jahre währenden aktiven Zeit siegreich gestalteten Rennen. Knapp war der Ausgang zudem, denn der ursprüngliche Besitzer des Heftes notierte mit seinem Kugelschreiber auch den Richterspruch "kk" und die Zeit des Rennens, nämlich 2:23,8 min für 2200 Meter.


Nur eine halbe Stunde später stand das zweite Rennen an, und hier war Volker Griebel wieder im Einsatz, erneut für Hein Bollow auf der Stute Zeremonie. Diese hatte das Höchstgewicht von 63 Kilo zu schleppen und profitierte so sicherlich von den fünf Kilo Gewichtserlaubnis des jungen Reiters, der sie immerhin auf einen dritten Platz brachte. Heute betreibt Volker Griebel einen Reiterhof aus der Nordsee-Insel Neuwerk. Den Sieg in dieser Konkurrenz machten aber zwei der ganz großen Jockeynamen jener Zeit unter sich aus, nämlich Fritz Drechsler, der Mylene Zweiter wurde, und Peter Remmert, der ebenfalls mit dem enormen Gewicht von 63,5 Kilo das Siegerpferd My King steuerte. 


Die Wartezeit zum dritten Rennen konnte das Publikum durch Betrachten einer Handtaschenwerbung überbrücken, ehe im Preis der Jährlingsauktion die Zweijährigen zum Einsatz kamen. Prinzess Didi war ebenso dabei wie Pferde mit so schönen Namen wie Blume, Freddy, Werkmeister oder passend zu Baden-Baden Kurprinz. Und dann gab es da noch Garzer, einen der guten Flieger jener Zeit. An jenem Tag wurde er nur Vierter hinter Missouri, Werkmeister und Prinzess Didi, doch später entwickelte sich Garzer zu einer Art Baden-Baden-Spezialist und erzielte dort Siege und schöne Platzierungen u.a. in der Goldenen Peitsche, im Benazet-Rennen und im Oettingen-Rennen. 


Amüsant mutet aus heutiger Sicht die Werbung für modernste Spezial-Fahrzeuge einer bekannten Kölner Pferdespedition an, die noch einmal unterstreicht, wie sehr sich alltägliche Dinge wie Autos in den letzten vierzig Jahren verändert haben.


Als viertes Rennen folgte der Preis des Casino Baden-Baden, in dem durch den Heftbesitzer zwei Nichtstarter brav durchgestrichen wurden: Weder Wichtig, trainiert von Heinz Jentzsch, noch Who's Who aus dem Röttgener Stall von Theo Grieper rückten in die Startboxen ein. Am Ende gewann hier das Leichtgewicht Federgeist, das Peter Remmert - um erstaunliche elfeinhalb Kilo Blei in den Satteltaschen erleichtert - bereits den zweiten Tagessieg bescherte. Wieder war es nur ein knapper Erfolg, denn an der ersten Stelle des Richterspruchs stand die Abkürzung "Kopf".


Inzwischen war mit dem fünften Rennen der Tageskarte die Hälfte der Veranstaltung erreicht, und Peter Remmerts jüngerer Bruder Harro setzte die Siegesserie der Remmerts fort, indem er mit dem Ostermann-Hengst Bärensohn als Erster die Ziellinie passierte.


Nun war es Zeit für den Rennbahnbesucher, einmal seine Gewinne und Verluste zu überschlagen, und genau dies tat der Heftbesitzer in einer für Notizen reservierten Spalte mit dem erfreulichen Resultat, dass er erstaunliche 407,00,- DM Gewinn gemacht hatte. Das darf wohl als erfolgreicher Renntag gewertet werden. 


Zwei Abteilungen hatte der Yburg-Ausgleich, eines jener typischen Baden-Baden-Handicaps der Kategorie Ausgleich IV, in dem sich offenbar damals wie heute die Starter drängelten. Beide Felder waren bestens gefüllt, und in der ersten Abteilung war es erneut ein Leichtgewicht namens Tupelo mit Horst Horwart im Sattel, das das Rennen machte, während in der zweiten Abteilung Jaspis mit Helmut Straubinger den Sieg nach München holte.


Da sich der Renntag langsam dem Ende zuneigte, wurde auch die Werbung im Programmheft immer interessanter, und so konnte der geneigte Leser per Flüsterpropaganda erfahren, dass Kapseln namens "Geriatric" nicht nur die Widerstandskraft stärkten und die Leistungsfähigkeit steigerten, sondern den Einnehmenden bis ins hohe Alter immer fest im Sattel hielten. Gut zu wissen...


Im letzten Flachrennen der Tageskarte war das Gestüt Röttgen am Zug, denn hier gewann Königin Winnica den Ausgleich III mit Peter Kienzler im Sattel. Und schließlich folgte noch das heimliche Highlight für viele regelmäßige Iffezheim-Besucher, das tägliche Jagdrennen, das allerdings nicht über den Berg führte. Gewissenhaft vermerkte der Heftkäufer, dass Mondsee reiterlos wurde und sowohl Le Sagittaire als auch Papi's Pet gefallen waren, ehe das Höchstgewicht Hemingway unter dem Amateur Jean-Hugues de Chevigny gewann.


Und damit war Schluss für den dritten Renntag. Drei weitere Renntage warteten in jenem Jahr noch auf die Meetingsbesucher der Großen Woche, die erst am Sonntag, den 5. September 1971 ihren Höhepunkt erreichte, als Cortez unter Ossi Langner für das Gestüt Zoppenbroich den Großen Preis von Baden gewann. 


Vielleicht sollte ich ja auch mal die Rennprogramme so sorgfältig mit Notizen füllen und dann aufheben, die ich ab morgen in Iffezheim erstehen werde. Wer weiß, welche Geschichten sie in vierzig Jahren erzählen können...