Sonntag, 7. April 2013

Vor fünfzehn Jahren: Losgetigert


Endlich – am Sonntag gibt es wieder Galopprennen fast vor meiner (ehemaligen Speldorfer) Haustür am Raffelberg. Inzwischen hat es mich ja in einen anderen Mülheimer Stadtteil verschlagen, aber ich kann mich noch so gut an das Gefühl prickelnder Spannung und Vorfreude erinnern, mit dem ich damals, früher immer den kleinen Berg von der Duisburger Straße hinunter, oft mit einem kleinen Abstecher zum elterlichen Schrebergarten in der benachbarten Laubenpieperkolonie, zur Rennbahn gelaufen bin. Die Pferdetransporter von Harzheim, Stinshoff und Co. waren dann in der Regel schon da und fleißige Pferdepfleger entluden die kostbare vierbeinige Fracht, so dass man schon ehe man das Gelände der Rennbahn an sich betreten hatte, mittendrin war im Geschehen. Einfach nur schön…


Morgen geht es wieder los auf der Rennbahn am Raffelberg!

Leider sind diese Renntage, von denen ich als Kind und Jugendlichen nach Möglichkeit keinen ausgelassen habe, in Mülheim inzwischen selten geworden.  Ich trauere den vergangenen Zeiten, in denen es durchschnittlich alle zwei Wochen einen Renntag auf meiner Heimatbahn gab, immer wieder heftig nach, aber Jammern und Wehklagen werden sie wohl kaum zurückbringen. Und so bleiben immerhin viele, viele schöne Erinnerungen, die dann und wann auf ihre typisch melancholische Art in meinem Bewusstsein anklopfen – so wie jene an das Orakel der Dreijährigen anno 1998. Dieses früher so beliebte Rennen, das wohl leider auch in die ewigen Jagdgründe der Mülheimer Vollblutgeschichte eingegangen sein dürfte, wurde nämlich vor fast genau fünfzehn Jahren von einem ganz besonderen Pferd gewonnen. Einen der jüngsten Nachkommen dieses Deckhengstes habe ich nämlich in der vergangenen Woche noch auf ganz frischen Fohlenfotos bewundern können, die der zu Recht stolze Züchter des kleinen und putzmunteren Arakis in unserem Tippspielforum eingestellt hatte. 

Einen weiteren Jahrgang des großen Fährhofers Tiger Hill wird es nun leider nicht mehr geben können, denn der Hengst musste im vergangenen September nach einer Fraktur, die er sich auf der Koppel zugezogen hatte, erlöst werden. Als diese Nachricht vor sieben Monaten die Runde machte, kamen zum ersten Mal wieder die Erinnerungen an das Rennen, um das es in diesem Blogeintrag gehen soll: das Orakel der Dreijährigen 1998 und den beeindruckenden Sieger mit Namen Tiger Hill.

Als ich damals am 12. April 1998 zum Raffelberg lief, hatte ich schon eine gefühlte Babybadewanne voll Kartoffelsalat für die Party produziert, die mein Bruder abends zu seinem zwanzigsten Geburtstag feiern wollte. Da war der Ausflug auf die Rennbahn wirklich hochverdient!  

Ein Pferd gab es, auf das ich mich an jenem Tag ganz besonders vorfreute, und das war eben jener Tiger Hill, der auf meiner Heimatbahn sein Saisondebüt geben würde. Schon lange war mir sein Name geläufig – genau genommen seit der Jährlingsauktion zwei Jahre zuvor, bei der mein Patenonkel, wie es früher seine Angewohnheit gewesen war, während seines Aufenthalts in Iffezheim „kiebitzen“ gewesen war. So nannte er das stumme Zuschauen und Bestaunen des Pferdenachwuchses, wahrscheinlich dann und wann bei einem besonders imposanten Jährling kombiniert mit einem sehnsüchtigen Tagtraum, was er denn machen würde, wenn er das nötige Kleingeld hätte, um mitsteigern zu können.

Das hatte er natürlich nie, aber der Wittekindshofer Tiger Hill, der für beeindruckende 130.000 Mark in den Besitz Georg Baron von Ullmanns wechselte, hatte es ihm damals schon arg angetan. Er lobte dieses Pferd jedenfalls bei unserer nächsten Begegnung in den höchsten Tönen und freute sich sehr, als Tiger Hill zweijährig ungeschlagen blieb. 


Hatte vor fünfzehn Jahren dank Tiger Hill noch jede Menge Grund zur Freude:
Georg Baron von Ullmann

Schon bei seinem Debüt im Juli 1997 in Gelsenkirchen, als ich gerade per Inter Rail mit einer Freundin Großbritannien erkundete, war der Danehill-Sohn seinem Ruf gerecht geworden und hatte die Wetter, die ihn auf optimistische 12:10 heruntergewettet hatten, nicht im Stich gelassen. Wahnfried, Treinton und Alpen Princess waren ihm in einem extrem überschaubaren Viererfeld nicht gewachsen gewesen. Etwas anspruchsvoller und vor allem kopfstärker war dann die Konkurrenz bei Tiger Hills zweiten Rennbahnauftritt doch ausgefallen. Rückblickend erkennt man im Starterfeld des Dortmunder Auktionsrennens von 1997 – immerhin im Listenstatus – einige bekanntere Namen: Marlowe, Leroy, Evening Set… besonders aber zwei andere spätere Deckhengste mit Namen Tannenkönig und Areion. Beide Stallion-Kollegen hat Tiger Hill in Dortmund wieder souverän hinter sich gelassen. Und gegen Tannenkönig gelang ihm dies sogar ein weiteres Mal im Münchner Auktionsrennen.

Ungeschlagen, mit der berühmten weißen Weste ausgestattet, ging der zunächst noch von Heinz Jentzsch in seinem letzten Trainerjahr in Köln vorbereitete Tiger Hill also in die Winterpause, und dürfte mit seiner erfolgreichen Zweijährigen-Kampagne in Peter Schiergen als Nachfolger am Asterblüte-Stall so manch eine Hoffnung geweckt haben, die es dann beim ersten Auftritt 1998 im Mülheimer Orakel der Dreijährigen zu verwirklichen galt. Er mag geahnt haben, was tatsächlich noch in diesem Pferd stecken konnte, denn schließlich war er ja bis zum Ende seiner Jockeylaufbahn bei allen drei Starts selbst sein Reiter gewesen.




Freilich, es bleibt die Frage, was denn ein überaus leichter Maidenerfolg gegen sehr überschaubar talentierte Konkurrenz und zwei Treffer in Auktionsrennen wert sein mochten. Winterfavorit auf der vermeintlich anspruchsvolleren Route war ein gewisser El Maimoun geworden, von dem man sich für die Dreijährigensaison große Dinge versprach. Einlösen konnte er sie nie, denn er kam leider nach einer schweren Trainingsverletzung nicht mehr an den Start und musste aufgegeben werden. Aber ob Tiger Hill, der El Maimoun ja zweijährig nie begegnet war, in der gleichen Liga spielte, konnte zu Beginn der Saison 1998 nur spekuliert werden.

Diese leichte Skepsis teilten wohl auch einige der Wetter vor dem Mülheimer Rennen, denn sie machten Tiger Hill nur minimal zum 20:10-Favoriten gegenüber dem mit einem Punkt mehr am Toto notierten Kölner Konkurrenten Royal Story aus dem Stall von Andreas Schütz. Dessen großer Bonus war, dass er bereits ganz früh in der Saison in Krefeld einen Start absolviert hatte. Dieses Rennen hatte er dann auch gleich siegreich gestaltet. Man musste ihm also durchaus für das Orakel der Dreijährigen gute Chancen einräumen.

Der Rennverlauf zeigte aber schnell, dass ein neuer Star am Dreijährigenhimmel geboren war. Und der hieß nicht Royal Story, sondern Tiger Hill. Sage und schreibe zehneinhalb Längen lagen am Raffelberg nach einer Renndistanz von 1600 Metern schließlich zwischen dem Sieger aus dem Asterblüte-Stall und dem Starter von Jaber Abdullah! Man muss schon von einer Demonstration sprechen, die der von Billy Newnes gerittene Tiger Hill in Mülheim veranstaltet hatte. Oder, um es in den Worten meiner Rennbahnfreundin Simone auszudrücken, die damals mit mir auf der Bahn und natürlich auch dicht am Geländer des Absattelrings war: „Der ist toll. Den will ich klauen!“

Aus dieser Absicht wurde nichts – zum Glück! Das Stallpersonal von Peter Schiergen bewachte Tiger Hill hervorragend, und so konnte dieser im Frühjahr und Frühsommer 1998 gleich zwei weitere Siege folgen lassen, die nur noch einmal eindrucksvoller unterstrichen, wie gut dieses Pferd war. Er gewann das Mehl-Mülhens-Rennen in Köln ebenso wie den Großen Müller Brot-Preis in München, beides Rennen der Gruppe II. 

Solchermaßen nach sechs Rennen noch ungeschlagen war es natürlich nur logisch, dass Tiger Hill auch am 5. Juli 1998 in Hamburg zum ganz großen Vorabfavoriten für das Deutsche Derby gekürt wurde. Wer sonst hätte diese Rolle auch übernehmen sollen? Einzig Lanciano, der Sieger des von Tiger Hill nicht bestrittenen Union-Rennens, notierte außer ihm noch zweistellig. Ansonsten gab es auf alle anderen Kandidaten im Neunzehnerfeld teils satte dreistellige Quoten. Und die Tatsache, dass für Tiger Hill immerhin noch großzügig erscheinende 31:10 offeriert wurden, konnte eigentlich nur einen Grund haben: das Horner Moor.

Dieses Horner Moor machte in jenem Jahr nämlich seinem Namen zur Abwechslung mal wieder die allergrößte Ehre. Die Videobilder zeigen, dass die Hansestadt, wie es sich für Anfang Juli ja schließlich gehört, allerfeinstes Sommerwetter ausgepackt hatte.

Nein, im Ernst – auf Englisch würde man sagen: „It was raining cats and dogs… and elephants… and possibly a mammoth, too”! Noch heute, fast fünfzehn Jahre später, bin ich froh, dass ich damals in Zeiten knapper studentischer Kassen der Versuchung nach Hamburg zu fahren nicht nachgegeben habe, sondern das große Rennen nur vor dem heimischen Fernseher geschaut habe. So bin ich immerhin trocken geblieben. 

Der offizielle Bodenwert belief sich in Hamburg nach einer Woche Dauerregen auf 6,5 schwer, und wenn man die Rennverfilmung betrachtet, wird deutlich, dass dies der Tag der Spurensucher und Sumpfhühner werden musste. Schon bald nach dem Start, spätestens aber in der Gegengeraden, fächerte das Feld in der ganzen Breite quer über die Bahn auf – vermutlich alle Jockeys intensiv mit dem Suchen nach einer weniger tief morastigen Schlammspur beschäftigt. Und Tiger Hill lag lange sogar im vorderen Mittelfeld, wurde auch von Rennkommentator Manfred Chapman einige Male erwähnt, während vorne der Ittlinger First Step aus dem Stall von Hans-Albert Blume die Pace für den zweiten Favoriten Lanciano machen sollte. 




Diese Taktik erwies sich aber genauso – im wahrsten Sinne des Wortes – als ein Schlag ins Wasser wie der Ritt von Billy Newnes auf Tiger Hill, der immer in der Mitte der Bahn gehalten eine Menge Meter mehr gehen musste. Kurzzeitig konnte er an das Spitzentrio scheinbar den Anschluss herstellen, aber schon eingangs des Schlussbogens war eigentlich klar ersichtlich, dass Tiger Hill seine weiße Weste im Hamburger Schlamm verlieren würde, denn er lief nur noch schwerfällig und hatte bei diesen Bodenverhältnissen und diesem Rennverlauf nichts mehr zuzusetzen. So sprintete sich am Ende Andrasch Starke mit einem genialen Ritt auf dem Riesenaußenseiter Robertico – sicher nicht der ersten Waffe des Schütz-Stalls – zum Derbysieg, und für den großen Favoriten Tiger Hill, der die gesamte Frühsaison dominiert hatte, blieb nur der sicher bitter enttäuschende zehnte Platz. Ob es da ein Trost war, dass es Lanciano, der nur Siebzehnter und damit Drittletzter wurde, trotz aller Stalltaktik noch schlimmer getroffen hatte? Wohl kaum…

Aber da macht man nichts. Das Derby ist eben, wie es so schön heißt, das verrückteste Rennen des Jahres. Quod erat demonstrandum!

Wie es eben im Leben ist, musste für eine solch bittere Niederlage ein Schuldiger gefunden werden, und neben dem Horner Morast bot sich da fast schon selbstverständlich der Jockey Billy Newnes an, der vor dem Rennen offenbar freie Hand bekommen hatte, wie er sich taktisch verhalten wollte. Er war als Spurensucher nicht erfolgreich gewesen, und so verlor er nicht nur das von vielen schon sicher geglaubte Derby selbst, sondern auch seine Position als Stalljockey. Bei seinen folgenden Starts wurde Tiger Hill überwiegend von Andreas Suborics, teilweise auch von Terry Hellier geritten, und vor allem für den Erstgenannten waren die Rennen mit Tiger Hill wesentlicher Teil seines Aufstiegs in die Spitzengruppe der damals in Deutschland tätigen Jockeyzunft.

Und schon bei seinem nächsten Rennauftritt bewies der dreijährige Tiger Hill, dass er ein richtig gutes Pferd war. Dieses Rennen habe ich wieder selbst miterlebt – in Düsseldorf auf dem Grafenberg, und bis heute erinnere ich mich sehr gut an den packenden Endkampf, den der Ullmann-Hengst sich mit dem ein Jahr älteren Röttgener Ungaro lieferte – seines Zeichens ebenfalls ein Pferd mit Gruppe-I-Format. Das hatte Ungaro gerade erst unter Beweis gestellt, als er in Mailand den Gran Premio di Milano gewann. In Düsseldorf nun trug Tiger Hill als Dreijähriger sage und schreibe sechseinhalb Kilo weniger als die ältere Konkurrenz, und so musste man ihm natürlich sehr gute Chancen einräumen, sich für das enttäuschende Derby zu revanchieren. Das hätte unter Alessandro Schikora, der die leichten 53,5 Kilo reiten konnte, auch fast geklappt… fast. Nur fast, denn am Zielpfosten hatte Ungaro mit Terry Hellier – damals schon ein so begnadet starker Endkampfreiter wie heute noch – mit einem Hals den Vorteil. Aber der zweite Platz bestätigte die Klasse von Tiger Hill und ließ die Horner Schlappe rasch vergessen. 

Noch deutlicher gelang Tiger Hill dies bei seinem folgenden Auftritt, denn da dominierte er das Feld des Großen Preises von Baden, in dem sich immerhin solch klangvolle Namen wie Elle Danzig, Luso oder Caitano befanden, nach Belieben. Ein beeindruckendes Rennen war es – zum Glück im Internet in bewegten Bildern mit dem enthusiastischen Rennkommentar von Manfred Chapman erhalten.




Und dann folgte – obwohl Tiger Hill ja erst dreijährig war – Anfang Oktober 1998 der Griff nach den Sternen. Mit Andreas Suborics im Sattel startete Tiger Hill in keinem geringeren Rennen als dem Prix de l’Arc de Triomphe. Betrachtet man heute den Rennfilm, so gibt es da auf halber Höhe der Zielgeraden diesen einen kleinen Moment, in dem das Herz schneller schlägt, weil es für wenige Augenblicke so wirkt als könne Tiger Hill das in Realität verwandeln, was tatsächlich erst 2012 einer gewissen Danedream gelang, nämlich als dreijähriges in Deutschland trainiertes Pferd den Arc-Sieg schaffen. Richtig gut sieht der Vorstoß des Danehill-Sohnes für einige Momente aus, aber dann können es doch noch zwei andere Starter ein wenig besser, nämlich der spätere Sieger Sagamix und die englische Stute Leggera. So wurde Tiger Hill am Ende nur ganz knapp geschlagen. Aber im Arc de Triomphe mit nur einer Länge Rückstand Dritter zu werden – Respekt! Entsprechend wurde dieses große Rennen seinerzeit in Deutschland auch gefeiert, und Tiger Hill, der mit Ausnahme des unglückseligen Morast-Derbys in jedem seiner bis dato gelaufenen Rennen siegreich oder platziert gewesen war, wurde ganz unangefochten DAS Pferd des Jahres in Deutschland.




Er war aber eben auch einfach ein Typ, der das Rennbahnpublikum spielerisch leicht für sich einzunehmen wusste. Einfach ein rundum sympathischer Galopper, der auch in seiner folgenden Saison als Vierjähriger jedes Mal, wenn er an den Start kam, sei es nun im Kölner Gerling-Preis zum Saisonstart oder später auch wieder in Frankreich, wo er den Grand Prix de Saint Cloud bestritt, mit vollem Einsatz lief und drei Rennen auf Gruppe II- und Gruppe I-Ebene gewann. Den Sieg im Gerling-Preis konnte ich selbst miterleben. Zufällig brachte er auch die Revanche an Ungaro, der Tiger Hill im Vorjahr in Düsseldorf ja noch geschlagen hatte. Bedenkt man zusätzlich, dass der inzwischen vierjährige Hengst aus dem Stall von Peter Schiergen, für den Tiger Hill in seinen ersten beiden Trainerjahren ein ganz großer Erfolgsmotor wurde, gegenüber Ungaro nun keinen Gewichtsvorteil mehr hatte, macht dies deutlich, dass der ohnehin herausragende Galopper sich vielleicht über die Winterpause noch einmal hatte steigern können. Auch das Bayrische Zuchtrennen heftete Tiger Hill an seine Fahnen, ehe er im Herbst seinen Vorjahreserfolg in Iffezheim wiederholte  und unter anderem Flamingo Road und dem aktuellen Derbysieger des Jahres 1999 keine Chance ließ. 

Es lag selbstverständlich nahe, dass man anschließend einen erneuten Anlauf auf den Prix de l’Arc de Triomphe nahm – in einem Jahr, in dem mit der bereits erwähnten Flamingo Road und Borgia zwei weitere namhafte deutsche Starterinnen im Feld waren. Von diesen drei Deutschen zog sich Tiger Hill am Tag der Deutschen Einheit 1999 deutlich am besten aus der Affäre, aber ganz so erfolgreich wie im Vorjahr war sein Auftritt nicht. Am Ende blieb hinter dem beeindruckenden Sieger Montjeu „nur“ der fünfte Platz. 

Einmal noch sollten die Rennsportfreunde den vierjährigen Tiger Hill danach am Start bewundern können – wenn auch weit entfernt in Japan, denn dort lief er zum Abschluss seiner Karriere noch im Japan Cup. Abgesehen vom berühmt-berüchtigten Derby wurde es Tiger Hills schlechtestes Rennen. Wieder kam er hier nur als Zehnter über die Ziellinie. Doch in Deutschland blieb der nachhaltige Eindruck seiner vielen Erfolge im Gedächtnis. Zehn Siege und vier Platzierungen bei insgesamt siebzehn gelaufenen Rennen – was für eine großartige Galopper-Laufbahn!


Erst Tiger Hills Jockey, dann sein Trainer:
Peter Schiergen mit Saldentigerin, einer der  besten Töchter von Tiger Hill

Nach zwei Jahren als Deckhengst in Frankreich kehrte Tiger Hill 2002 wieder nach Deutschland zurück, wo er im Gestüt Schlenderhan stationiert war. Von seinen Nachkommen ist mir vor allem der nicht gerade einfache, aber oft ungemein stark laufende Oriental Tiger in Erinnerung geblieben – etwa bei dessen Kölner Erfolg im Rheinland-Pokal 2008, der ihm später wegen der leidigen Dopingvorwürfe wieder aberkannt wurde. Die Anzahl der äußerst leistungsstarken Nachkommen von Tiger Hill ist groß: Iota und Königstiger müssen natürlich genannt werden, aber auch Elopa, Saldentigerin, Sommertag, Abbashiva oder Wurfscheibe fallen mir ein. Auch Rewilding, der aus der Zeit stammte, in der Tiger Hill in England deckte, war ein ganz Großer auf der Rennbahn – und mit manch einem anderen Nachkommen seines Vaters teilt er das traurige Schicksal, leider nicht besonders alt geworden zu sein. 


Oriental Tiger, der nicht mit dem Glück im Bunde war und wenig später so tragisch einging, mit seinem Trainer Uwe Ostmann

So ist derzeit kein Nachfolger für den im vergangenen Jahr eingegangenen Tiger Hill in Sicht. Natürlich stehen noch nicht gelaufene Jahrgänge bereit, in denen sich manch ein künftiger Star verbergen mag, denn der jüngste Tiger Hill-Nachwuchs wird ja in diesen Tagen erst geboren oder tollt als Fohlen an Mutters Seite über die Koppeln der Gestüte. Vielleicht kann man auf Ametrin, der  eine langwierige Verletzung auskuriert hat, einige Hoffnungen in dieser Richtung hegen, aber das muss die Zukunft erst zeigen. Schön wäre es aber ganz sicher, wenn Tiger Hill nicht nur selbst als geniales Rennpferd und herausragender Vererber im Gedächtnis bleiben würde, sondern wenn diese Blutlinie in der Vollblutzucht weitergeführt werden könnte.

Einstweilen bleiben eben nur die Erinnerungen – und die ewig neuen Hoffnungen, wie in jedem Frühjahr wieder, wenn die grüne Saison wie im Moment noch ganz am Anfang steht und alles noch weit offen erscheint. Ob das Rennbahnpublikum morgen am Raffelberg vielleicht wieder so einen herausragenden Vierbeiner bewundern darf wie damals vor fünfzehn Jahren? Wer weiß… Wenn ich mir die Tatsache vor Augen führe, dass es das Orakel der Dreijährigen eben nicht mehr gibt und dann auf das relativ übersichtliche Starterfeld des sechsten Rennens auf der Karte schaue, habe ich da gewisse Zweifel. Aber man sollte sich ja immer einen vorsichtigen Optimismus bewahren und bereit sein sich positiv überraschen zu lassen. Wie gut die dreijährigen Sieger der Frühsaison tatsächlich einmal werden, lässt sich sowieso immer erst im Nachhinein mit Gewissheit sagen. 

Und bis dahin kann ich ja weiter mit Hilfe eines sehenswerten Promotionsvideos ein wenig in Erinnerungen an den großartigen Tiger Hill schwelgen…