Freitag, 29. Juli 2011

Vor zehn Jahren: Anzilleros Sternstunde

Es war einmal vor zehn Jahren

Seit vergangenen Sonntag ist er entschieden, der Große Preis von Berlin, und mit Danedream hat das traditionelle Rennen, das 2011 wieder in seine alte Berliner Heimat zurückgekehrt ist, eine verdiente, wenn auch vielleicht eher überraschende Siegerin gefunden. Sicher, man hätte durchaus darauf kommen können, dass Andrasch Starke sich wohl kaum zu seiner ausschließlich persönlichen Erheiterung auf ein Reitgewicht von mageren 53 Kilo herunterhungert, aber dennoch kommt der lockere Erfolg der von Peter Schiergen trainierten Stute zumindest einer kleinen Sensation gleich. 


Noch ein wenig überraschender als in diesem Jahr war allerdings der Ausgang der damals noch in ihrer Ausweichheimat Düsseldorf unter dem Renntitel "Deutschland-Preis" ausgetragenen Konkurrenz vor zehn Jahren, denn mit dem Sieg des Erlenhofers Anzillero hatten sicher noch weitaus weniger Rennbahnbesucher und Wetter gerechnet als mit dem ausgezeichneten Laufen von Danedream am vergangenen Wochenende. Zu übermächtig hatten die Gegner gewirkt – allen voran so großartige deutsche Rennpferde wie Sabiango, Subiaco, Caitano, der Derbysieger des Vorjahres, Belenus, oder ein starker ausländischer Gast namens Yavana’s Pace.
Zeitweilige Heimat des Großen Preises von Berlin (= Deutschland-Preis):
Die Rennbahn am Düsseldorfer Grafenberg
Ja, es muss zugegeben werden – im Vergleich mit seinen Konkurrenten fiel Anzilleros bisherige Rennleistung auf dem Papier schon ein wenig ab, und so rechtfertigt sich wohl auch die hohe Siegquote von 217:10, die letztlich an jene Handvoll Wetter ausgezahlt wurde, die Anzillero dennoch vertraut hatten. Der Sieger, dessen blau-rote Rennfarben trotz aller Tradition deutlich jünger waren als das von ihm am 22. Juli 2001 mit einem lockeren Vorsprung von 1¼ Längen gewonnene, 1888 erstmals – damals aber noch über die deutlich kürzere Distanz von 2000 Metern – ausgetragene Rennen, scherte sich einfach nicht um irgendwelche Quoten, sondern lief das Rennen seines Lebens. Es sollte auch im Hinblick auf seinen Trainer und seinen Reiter noch eine ganz besondere Bedeutung bekommen. Doch zu diesen Zweibeinern später mehr… Vorerst bleiben wir bei den Vierbeinern.
Sie findet sich in Anzilleros Pedigree: Asterblüte bei ihrem Derbysieg 1949
Bis zu jenem Tag vor zehn Jahren war Anzillero, der in der Mutterlinie über Allegretta auf Asterblüte zurückgeht, der sprichwörtlich „ewige Platzierte“ gewesen, wie Manfred Chapman ihn in der Parade vor dem Rennen bezeichnet hatte. Tatsächlich war der große Triumph, den die Erlenhofer mit Anzillero in Düsseldorf feiern konnten, erst der dritte Sieg des von ihnen selbst gezogenen Hengstes, der allerdings seine Laufbahn als Dreijähriger mit einem überlegenen Maidensieg eingeläutet und bei seinem zweiten Versuch im Jean-Harzheim-Rennen an Network immerhin den späteren Sieger des Union-Rennens auf den zweiten Platz verwiesen hatte. Ein Einstand absolut nach Maß also – und besonders sein Listensieg war in der Rückschau einige Ehren wert und berechtigte selbstredend zu größeren und größten Hoffnungen, die Anzillero jedoch danach nie so ganz einlösen konnte. In der Union kam er schon mit respektablem Rückstand auf Network, den er zuvor ja noch besiegt hatte, auf den dritten Rang, im von Samum gewonnenen Derby landete er als Achter – ganz sicher enttäuschend für seinen Anhang – nur im geschlagenen Feld. Dass er hierbei immerhin wieder einen Platz vor Network blieb, konnte da nicht einmal ein schwacher Trost sein. Und auch der dritte Platz, den er zum Abschluss seiner Dreijährigen-Kampagne nach rund dreieinhalb Monaten Pause in einem Düsseldorfer Gruppe-III-Rennen belegte, war zwar ganz nett, entsprach aber wohl nur bedingt den hochfliegenden Hoffnungen, die Anzillero zeitweise gegolten haben dürften.

Versprechend begann seine zweite Saison auf der Rennbahn. Der nunmehr vierjährige Erlenhofer kam 2001 aus mehreren Rennen auf Gruppe-Ebene nie ohne ein Platzgeld nach Hause und bewies vor allem im Hansa-Preis sowie im Großen Mercedes-Benz-Preis, dass er in der Liga der ganz Großen namens Subiaco oder Samum durchaus mitreden konnte. Ein Pferd, wie es sich viele Besitzer erträumen und meistens nie bekommen also… ein Pferd, auf das man wirklich stolz sein konnte. Und doch blieb da sicherlich der Traum vom ganz großen Sieg für den ewigen Platzierten. Dieser große Traum sollte sich dann für den von Beginn an bei Dave Richardson in Frankfurt trainierten Anzillero am 22. Juli 2001 erfüllen, als er nach den beiden Siegen zu Beginn seiner Laufbahn noch einmal – ein letztes Mal, wie sich erst deutlich später herausstellte – als Erster die Ziellinie überquerte.

Bei diesem Triumph, der der eigentlich aus dem Dressursport stammenden Familie Rothenberger-Krause, die in die Wiederbelebung der alten Erlenhofer Tradition seit Mitte der 1990er Jahre viel Mühe, Energie und auch Geld investiert hatte, den größten Moment ihrer galopprennsportlichen Aktivitäten bescherte, mögen für viele Rennbahnbesucher wunderbare Erinnerungen an große Galopper der Vergangenheit wach geworden sein, die in den gleichen rot-blauen Farben einst den Turfsport bereichert hatten – gleich ob sie nun Neckar, Nereide oder Ticino hießen. Einige schöne Erfolge hatten die neuen Verantwortlichen auf dem Gestüt in Bad Homburg schon feiern können, seien es nun der Union-Erste Twen, der Gruppesieger Ladoni, die später in die USA verkaufte großartige Stute Moonlady oder der Derby-Dritte Masterplayer. Anzillero jedoch übertraf sie in Düsseldorf alle und reihte sich nach seinen vielen Platzierungen nun endlich in die illustre Reihe großer Erlenhofer Pferde ein.

Einer der ganz großen Erlenhofer der Vergangenheit: Neckar
Und nun? Was macht man mit einem frisch gebackenen Gruppe-I-Sieger im besten Rennpferdalter von vier Jahren? Man versucht selbstverständlich, diesen Erfolg zu bestätigen und so aus einem Gruppe-I-Sieger eben keine Eintagsfliege, sondern ein echtes Gruppe-I-Pferd zu machen. Auch in Anzilleros Fall wurde diese folgerichtige Route eingeschlagen, die den Hengst als nächstes Mitte August 2001 nach Köln zum Vorläufer des Rennens führten, das heute als Rheinland-Pokal ausgetragen wird. Der Versuch scheiterte allerdings ziemlich drastisch, denn während Sabiango, Boreal und Belenus auf den ersten drei Plätzen das Geschehen bestimmten, kam Anzillero mit erheblichem Rückstand nur auf den vorletzten Platz unter acht Startern. Dieser ersten Ernüchterung nach dem großen Triumph von Düsseldorf folgten noch zwei weitere Start, einmal in Frankreich, dann auch in Italien. Doch auch sie, darunter der Griff nach den Sternen im von Sakhee gewonnenen Prix de l’Arc de Triomphe Anfang Oktober, führten nicht zur gewünschten Bestätigung von Anzilleros bester Leistung, denn bei beiden Gelegenheiten endete der Erlenhofer unter seinem ständigen Jockey Kevin Woodburn nur im geschlagenen Feld.

Anzilleros Aufgalopp zum Prix de l'Arc de Triomphe
War Anzillero, dessen Rennlaufbahn mit diesen drei Fehlschlägen endgültig beendet war, also doch „nur“ ein Gruppe-I-Sieger statt eines echten Gruppe-I-Pferdes?

Nüchtern analysiert muss man diese Einschätzung wohl bejahen – auch wenn er sich in Köln eine kleine Verletzung mit offener Wunde zugezogen hatte, auch wenn ihm die katastrophal stürmischen Wetterbedingungen bei seinem Start in Rom nicht zugesagt hatten. Eigentlich war wohl auch geplant gewesen, den Hengst 2002 nach einer Gestütspause über Winter noch einmal in den Rennstall zurückzuschicken und ihm Gelegenheit zu geben, seine Spitzenleistung zu wiederholen. Diese Pläne, über die sich Trainer Dave Richardson selbstverständlich sehr gefreut hatte, zerschlugen sich jedoch, als Anzillero auch im März noch nicht wieder aus dem Gestüt zurückgekehrt war. Gerüchte kursierten zunächst, die Erlenhofer trügen sich mit dem Gedanken, Anzillero in ein anderes Quartier zu geben, ehe scheibchenweise klar wurde, dass sogar aus einer Fortsetzung der Rennkarriere an sich nichts werden würde. Eine Untersuchung hatte ein vermindertes Lungenvolumen ergeben, dessen Ursache nicht zweifelsfrei zu klären war. An einem ausgestandenen Infekt aus dem Vorjahr lag es vielleicht, doch wie auch immer: Anzillero würde nicht mehr laufen, sondern stattdessen als Deckhengst für sein Heimatgestüt aufgestellt werden, so hieß es Mitte April 2002.
Anzillero als Erlenhofer Deckhengst
Zu schreiben, dass der neue Deckhengst, der auch ein Intermezzo in einem irischen Gestüt absolvierte, von der Züchterwelt zurückhaltend angenommen wurde, wäre fast noch eine Übertreibung. Tatsächlich lässt sich die Zahl seiner deutschen Fohlen seit 2003 fast noch an zwei Händen bequem abzählen, und fast alle entstammen sie Stuten aus Erlenhof. Bei einer derart geringen Anzahl von Nachkommen fällt eine Bewertung der Deckhengst-Qualitäten von Anzillero natürlich sehr schwer. Seine wohl besten Töchter dürften die zunächst von Waldemar Hickst und Dave Richardson trainierten Stuten Sorcillera und Fly Away sein, die immerhin Rennen gewinnen konnten und nach wie vor in Großbritannien bzw. Frankreich aktiv sind.

Bedauerlich ist, dass das Gestüt Erlenhof nach der zunächst sehr lebhaften Renaissance bis um die Jahrtausendwende, deren Höhepunkt Anzilleros Sieg in Düsseldorf markiert, seine rennsportlichen Bemühungen mehr und mehr zurückfuhr. Weitere größere Erfolge blieben im Anschluss aus, und von den selbst gezogenen Vollblütern konnte kaum einer auf der Rennbahn wirklich überzeugen. Aktuell hat das Gestüt selbst keine eigenen Pferde mehr im Training, die Mutterstuten sind zum Teil andere Gestüte verpachtet worden, und auch Anzillero befindet sich nicht mehr in Bad Homburg, sondern in Frankreich, wo er von einem kleineren, aber scheinbar ambitionierten Züchter namens Claude Pelsy aufgestellt wurde. Wie sich seine Zukunft entwickeln wird, muss weiterhin abgewartet werden. Seine ersten dort gezogenen Nachkommen müssten in diesem Jahr rennbahnfertig sein.
Nun als Deckhengst in Frankreich
Doch auch für zwei weitere maßgebliche Zweibeiner im Leben eines Rennpferdes war Anzilleros Entwicklung zum Gruppe-I-Sieger ein absolutes Highlight – nämlich für seinen Trainer Dave Richardson, der das Gefühl eines solchen Triumphs als Reiter (z.B. bei seinen Derbysiegen mit Lauscher 1971, Navarino 1980 und Philipo 1986) durchaus selbst schon kennengelernt hatte, jedoch als Trainer in seiner Ende 1991 gestarteten zweiten Karriere trotz einiger besserer Pferde wie etwa Tajawall, Sign of Nike, Touchdown, Indian Point, Siamo oder Shebar nie zuvor und auch seitdem nie wieder einen vergleichbaren Crack in seiner Obhut hatte. Nur noch sehr klein ist inzwischen die Zahl der von ihm trainierten Pferde. Leider ist ihm, nachdem er mit Anzillero zweifellos sein Meisterstück gemacht hatte, der Erfolg nicht treuer geblieben. Verdient gehabt hätte er es ganz sicher.

Ebenfalls zu den Trainern, die aktuell ein recht kleines Lot betreuen, zählt der Mann, in dessen an Höhepunkten bestimmt nicht armer Jockey-Karriere Anzilleros Düsseldorfer Erfolg einen letzten ganz großen Meilenstein markierte: Kevin Woodburn. Nachdem der Hengst in seiner ersten aktiven Saison von verschiedenen Reitern, darunter besonders Pascal van de Keere, gesteuert worden war, avancierte Woodburn 2001 ab dem Frühjahrsmeeting in Baden-Baden 2001 zu Anzilleros festem Jockey. Zwar blieb es in den folgenden Rennen bei dem einen spektakulären Treffer, aber dieser Sieg war zu einem großen Teil auch seinem Reiter zu verdanken. Für Kevin Woodburn, der sich bereits zu diesem Zeitpunkt mit dem Gedanken trug seine Jockey-Laufbahn zu beenden und in München ins Traineramt einzusteigen, war der Sieg eine Genugtuung: „Ich bin in den letzten Wochen immer runtergesungen worden. Heute habe ich aber gezeigt, was ich auf guten Pferden noch kann, denn ich bin mit Sicherheit noch gut genug“, so seine Worte in einem Interview im Anschluss an das Rennen.

Noch zu Jockeyzeiten: Kevin Woodburn
Dennoch blieb es dabei: Für Kevin Woodburn, damals eine Art Speldorfer Original, über dessen neueste Geschichten ich gerne von meinem Vater informiert wurde, der häufiger die gleiche Wirtschaft besuchte wie der englische Jockey, waren die Tage im Sattel gezählt. Nachdem er dank Anzillero zum Abschluss seiner Karriere noch einmal die Chance erhalten hatte im Prix de l‘Arc de Triomphe zu reiten, hängte er noch einige Wochen an, um schließlich Ende Januar 2002 die Rennstiefel wirklich auszuziehen. In München hielt es ihn nicht lang, und erst durch den Wechsel nach Neuss scheint er inzwischen sein neues Zuhause als Trainer, wenn auch eben mit einem kleinen Lot, gefunden zu haben.

Ich persönlich habe Kevin Woodburn immer gerne reiten sehen und erinnere mich an manch ein taktisches Meisterwerk, so etwa den spektakulären Ritt mit der Stute Tsarina im Silbernen Band der Ruhr 1994, als er teilweise um mehr als ein Dutzend Längen vor dem Feld liegend vorwegmarschierte und sich außen die beste Spur suchte. Alle Anwesenden rings um mich herum waren an jenem nasskalten Novembertag auf der Mülheimer Rennbahn sicher, dass der Jockey größenwahnsinnig sein müsse und garantiert am Ende vom Feld gestellt und geschluckt werden würde. Doch genau dies geschah nicht, und das triumphierende Strahlen auf dem Gesicht des Reiters, als er mit der Stute zurück in den Absattelring kam, sprach Bände. Optisch hat sich Kevin Woodburn, wenn er den Sturzhelm aufgesetzt hat, der die Abwesenheit von Haarpracht verdeckt, in Jockey-Montur kaum verändert, wie man dann und wann bei Ex-Aktiven-Rennen und Trainerreiten beobachten kann. Und auch hier ist er, so im letzten Jahr auf der von ihm selbst trainierten Stute Cringid Mor in Hamburg, immer noch für einen Glanzritt gut.

Was wohl in zehn Jahren aus dem Siegergespann des vergangenen Wochenendes in Hoppegarten, also aus Danedream, Andrasch Starke und Peter Schiergen geworden sein wird? Warten wir ab, welche Geschichten sie in Zukunft noch zu erzählen haben werden!

Sonntag, 17. Juli 2011

Vor zehn Jahren: Derby unter Wasser

Genau zwei Wochen sind seit dem Derby 2011 nun schon wieder ins Land gegangen, und so hatten auch meine in Hamburg von den nicht gerade sommerlichen äußeren Bedingungen ziemlich durchweichten Füße inzwischen wieder ausreichend Zeit zum Trocknen. Das Abenteuer Hamburg ist sogar erstaunlicherweise völlig ohne Erkältung abgegangen, was vielleicht an dem innerlichen Glühen liegen könnte, mit dem ich am ersten Juli-Sonntag die Rückreise antrat, nachdem feststand, welches Pferd das wichtigste Rennen des deutschen Turfkalenders gewonnen hatte.


Mag auch Regen und weichen Boden: Waldpark, Derbysieger 2011

Waldpark… Mensch, was hat mich das gefreut. Genau genommen freut es mich immer noch, was Wurftaubes Söhnchen da für eine Glanzleistung vollbracht hat. Und live dabei gewesen zu sein statt das Rennen nur per Internet vom heimischem Schreibtisch aus zu verfolgen, hat die ganze Sache so richtig perfekt gemacht. Was genau ich da auf der matschigen Wiese veranstaltet habe, als mir auf einen Schlag kurz nach dem Einbiegen des Derbyfeldes in die Zielgerade klar wurde, dass der sympathische, kleine Sommernachtstraum an diesem Tag ohne Möglichkeiten war, dafür aber mein anderes insgeheim erhofftes Wunschpferd in bestechender Haltung außen nach vorne ging, weiß ich nicht mehr so recht. Allerdings flossen wenig später Tränen der gerührten Freude. Dass mir das mal auf einer Rennbahn passieren würde…

Aber warum eigentlich nicht? Schließlich ist Waldpark nicht nur ein mehr als würdiger Derbysieger, der mir schon bei seinem Auftritt in Baden-Baden im Derby-Trial gefiel und mich auch in Hamburg die gesamte Zeit über durch seine Gelassenheit beeindruckte, sondern ich verbinde mit seiner Familie eine Menge schöner Erinnerungen und Geschichten. Waldpark verkörpert quasi in idealer Weise genau das, was mich am Galopprennsport außer der unmittelbaren Spannung der gerade aktuellen Rennen ganz besonders fasziniert. Er ist lebendige Tradition auf vier sehr flinken und ausdauernden Beinen und zugleich jede Menge Hoffnung auf die Zukunft.

Was machen mir da schon ein paar nasse Füße?

Eigentlich – nichts...

Ohnehin sind wir am vergangenen Wochenende im Vergleich zu früheren Derby-Austragungen trotz allem noch einigermaßen glimpflich davongekommen, was die Wolkenbruchmenge angeht. Man denke da nur an die Schlammschlacht von 1978, an deren Ende Zauberer aus dem Gestüt Bona Derbysieger wurde. Außerordentlich anschaulich beschreibt Harald Siemen diesen Tag in seinem Derby-Buch so: „Um die Mittagszeit des 2. Juli 1978 hatte eines der erwähnten Tiefdruckgebiete ausgerechnet über der Horner Rennbahn seinen tiefsten Stand erreicht. Unaufhörlich goss es in Strömen vom Himmel, ein Landregen hüllte die Rennbahn in einen grauen Schleier und verwandelte das Geläuf bis zu dem als sechstes Rennen angesetzten Derby in einen Acker und das Schuhwerk der 25.000 Besucher, soweit es nicht aus Gummistiefeln bestand, in entsorgungsreifes Altleder.“

Und trotz allem war dies noch nichts im Vergleich zum Derby 2001, denn:


Es war einmal vor zehn Jahren…

… als das Deutsche Derby im wahrsten Sinne des Wortes beinahe in den Fluten einer durch ein orkanartikes Unwetter bedingten Überschwemmung ertrank, wie sie auch in Hamburg Seltenheitswert hatte. Wäre das Derby nur vierundzwanzig Stunden früher am Samstag statt am Sonntag zur Austragung gekommen, dann… ja, was dann? Wäre es dann nachgeholt worden? Hätte man es neu ausgeschrieben und für Seepferdchen geöffnet?

Zu derlei ziemlich albernen Scherzen wird den Verantwortlichen hinter den Kulissen der Derby-Woche 2001 allerdings sicher nicht zumute gewesen sein, denn was sich auf der Rennbahn in Hamburg-Horn am Vortag des geplanten Höhepunkts einer ansonsten bei sehr angenehmem Sommerwetter abgelaufenen Derbywoche ereignete, war weit mehr als nur ein schwerer Wolkenbruch. 

Wetterkarte Juli 2001 - Land unter in Hamburg und anderswo
Ganz plötzlich brach das Unheil über das Hamburger Rennbahnpublikum herein, das am 30. Juni 2001, dem Samstag vor dem Derby, gerade das fünfte Rennen der Tageskarte verfolgt hatte. Soll man im Namen des Siegers in jenem Ausgleich I, der Frühtau hieß und inzwischen auch als Deckhengst, wenn auch in der Ponyzucht, eingesetzt wird, ein feuchtes Omen sehen? Nein, das erscheint eindeutig überinterpretiert. Allerdings war es tatsächlich so, dass die Siegerehrung rund um das Team von Frühtau noch lief, als sich der Himmel über der Horner Rennbahn rasch und ausgesprochen dramatisch verdunkelte. Die dunkelgrau-schwarzen Unwetterwolken sahen überaus bedrohlich aus und brachten am eigentlich helllichten Tag Nachtstimmung über die Rennbahn, so dass den Anwesenden wohl auch ohne die Durchsagen des Rennbahnsprechers klar geworden wäre, dass sie sich besser einen wettergeschützten Platz suchen sollten.

Wenig später öffnete der Himmel seine Schleusen in ungeheuer dramatischer Art und Weise, und als das Unwetter sich nach rund einer Viertelstunde wieder verzog, war das Horner Moor zur Seenlandschaft geworden. Alles stand unter Wasser, stellenweise sogar so tief, dass Bierzeltgarnituren als Laufstege dienen mussten. Die schlimmsten Spuren hatte das Unwetter aber auf dem völlig durchweichten Geläuf hinterlassen, das Wassermassen in dieser extremen Größenordnung einfach nicht abführen konnte. Land unter in Hamburg-Horn!

Was sollte unter diesen Umständen aus den eigentlich für jenen Samstag noch geplanten fünf Rennen werden? Eine Inspektion des Geläufs, an der neben der Rennleitung auch Jockey Andreas Suborics beteiligt war, ergab ein niederschmetterndes Ergebnis: Nichts ging mehr – zumindest nicht an diesem Tag. Und so musste der restliche Renntag schweren Herzens nach der Hälfte der Veranstaltung abgesagt werden. Zuschauer, Besitzer, Aktive, Vierbeiner… sie alle mussten unverrichteter Dinge abziehen und konnten nur hoffen, dass sich die sintflutartigen Folgen des schweren Unwetters bis zum folgenden Tag, an dem das Rennen aller Rennen gelaufen werden sollte, zumindest noch etwas würden mindern lassen.

Ganz so arg wie bei der Überschwemmung der Rennbahn in Halle Anfang diesen Jahres hatte es die Hamburger zwar vor zehn Jahre nicht getroffen, doch am folgenden Sonntagmorgen ergab eine bange Überprüfung des Geläufs nach wie vor ausgesprochen matschige Verhältnisse und einen offiziellen Bodenwert von 5,9. Nicht gerade optimale Bedingungen also, außer man hatte zufällig ein als Sumpfhuhn geeignetes Pferd genannt, aber doch grundsätzlich machbar. Oder doch nicht?

Rennbahn richtig unter Wasser - Halle Februar 2001
Viele Trainer und Besitzer hatten hier zumindest Zweifel, und so sah sich der Hamburger Rennverein nach dem katastrophalen Samstag mit einer Welle neuer Hiobsbotschaften konfrontiert, als mehr als zwei Dutzend Pferde angesichts der Bodenwerte zu Nichtstartern erklärt wurden. Darunter befand sich zum Entsetzen der Verantwortlichen auch ein ganz besonderes Pferd – der Vorab-Favorit für das neunte Rennen, das Derby, ein Fährhofer Hengst namens Sabiango. Dieser Sabiango war bislang viermal am Start gewesen und hatte nur bei seinem Debüt als Dreijähriger in einem Hannoveraner Listenrennen eine Niederlage hinnehmen müssen. Abgesehen davon hatte er sich als dreifacher Sieger auszeichnen können, und spätestens nach seinem Erfolg im Union-Rennen hatte der von Andreas Suborics gesteuerte Sabiango sich seinen Favoritenrang unter den eigentlich angekündigten zwanzig Derbykandidaten redlich verdient.

Und nun sollte das Hamburger Hauptereignis ausgerechnet auf Sabiango verzichten müssen?
Die Enttäuschung über die Entscheidung von Andreas Wöhler wog verständlicherweise schwer, doch wenn man bedenkt, dass Sabiangos einzige Niederlage sich bei einem Bodenwert von 6,5 (schwer) abgespielt hatte, liegt auf der Hand, dass der Fährhofer mit solchen Verhältnissen einfach nicht zurechtkam. Und so war Sabiangos Abmeldung, die der Trainer auch zuvor schon gelegentlich angedeutet hatte für den Fall, dass die Bodenwerte nicht passen sollten, eben vor allem eins: konsequent!

So fehlte dem großen Rennen aber nun auch das symbolische Zugpferd. Gab es unter den nach einer weiteren Abmeldung noch verbliebenen achtzehn Kandidaten einen Starter, der diese Lücke füllen konnte?

Das wettende Publikum war sich uneinig, denn zu deutlich hatte Sabiango vorab die Erwartungen dominiert, und so gab es mehrere Pferde, die am Toto unter 100:10 standen, als es in die Startboxen ging. Allesamt entstammten sie großen Trainingsställen oder Gestüten, für die ein Derbysieg kein Neuland war: Barsetto als Steigenberger Vertreter, Limerick Boy aus dem erfolgsverwöhnten Quartier von Andreas Schütz, Krombacher im rot-weißen Ittlingen-Dress, Somotillo als „Ersatz“-Fährhofer, Iberus für Schlenderhan und Syrakus in den Röttgener Traditionsfarben… Sie alle hatten in den diversen Vorbereitungsrennen auf dem Weg zum Derby durchaus auf sich aufmerksam machen können, aber an Sabiangos Leistungen hatten sie nie recht herangereicht. Würde nun einer von ihnen die Abwesenheit des vermeintlichen Jahrgangsprimus nutzen und sich das Blaue Band sichern?

Um es kurz zu machen: Nein, keinem der oben Genannten gelang dies am 1. Juli 2001 in Hamburg-Horn. Der tatsächliche spätere Derbysieger trug allerdings auch traditionelle Farben eines führenden deutschen Gestüts, aber irgendwie hatten nur wenige Rennbahnbesucher den Hengstnamens Boreal aus dem Gestüt Ammerland  auf der Rechnung gehabt, und so kam es, dass der Derbysieger, der sich das Rennen letztlich locker mit anderthalb Länge Vorsprung vor den beiden noch viel größeren Außenseitern Lierac und Near Honor sicherte, seine Wetter am Toto mit einem dreistelligen Wert von 104:10 belohnte.


Warum hatte man ihn nicht stärker auf der Rechnung gehabt? Immerhin entstammte Boreal einer ausgesprochen erfolgreichen Familie, deren bisheriges züchterisches Glanzstück seine um vier Jahre ältere Schwester Borgia war, die ihm 1997 schon vorgemacht hatte, wie das ging mit dem Derbysieg. Auch Mama Britannia war eine sehr gute Rennstute gewesen. Überdies war Boreal eigentlich bei all seinen Starts nach dem auf Anhieb abgehakten Maidensieg immer vorne mit dabei gewesen, und auch sein dritter Platz im Union-Rennen (natürlich hinter Sabiango!) konnte sich sehen lassen. Weniger als eine Länge hatte die beiden Hengst, zwischen die sich noch Barsetto geschoben hatte dort getrennt.

Einen Vorteil gegenüber Sabiango hatte Boreal auf alle Fälle: Der mehr als weiche Boden in Hamburg-Horn machte ihm nicht das Geringste aus, und so profitierte er eben von der Abwesenheit des Fährhofers und tat es seiner illustren Schwester gleich, um Britannia zu einer jener seltenen Zuchtstuten zu machen, die gleich zwei Derbysiegern das Leben geschenkt haben. Nur vier Jahre nach Borgias Sieg war es so dank Boreal erneut ein ganz großer Tag für das Gestüt Ammerland.

Gewonnen! Derbyieger Boreal trotz Boden weich
Amüsantes Detail am Rande: In einem Artikel der Rheinischen Post, der vor dem Derbywochenende erschienen war, hatte sich Boreals Betreuer Peter Schiergen, für dessen noch junge Trainerkarriere dieser erste Derby-Treffer ein ganz wichtiger Erfolg war, so geäußert: "Etwas Regen wäre noch gut für uns."


Es wurde dann bekanntlich etwas mehr Regen... Petrus hatte zumindest aus dieser Perspektive gut zugehört und prompt reagiert.


Pressespekulationen vor dem Derby 2001


Die Frage, ob Boreal denn auch gewonnen hätte, wenn es das sintflutartige Unwetter am Derby-Vortag und somit die Abmeldung von Sabiango nicht gegeben hätte, ist natürlich vor zehn Jahren intensiv diskutiert worden. Alles in allem sieht es so aus als sei Sabiango, der weltweit drei Gruppe-I-Rennen gewinnen konnte, das etwas bessere Rennpferd gewesen. Oder doch umgekehrt?

Zwei weitere Mal begegneten die beiden Hengste sich auf der Rennbahn, und je eines dieser Zusammentreffen in Köln beziehungsweise Baden-Baden konnten Boreal und Sabiango im internen Duell für sich entscheiden. Vielleicht wäre es also gerechter, beide als ausgezeichnete Galopper zu bezeichnen, die später auf jeweils getrennten Pfaden auch international beweisen konnten, dass sie zu hohen und allerhöchsten Leistungen imstande waren. In Boreals Fall ist es natürlich vor allem sein spektakulärer Triumph im Coronation Cup 2002, als er auf Gruppe-I-Ebene in Epsom solchen Größen wie Marienbard oder Kutub locker das Nachsehen gab.

Boreal gewinnt den Coronation Cup 2002 -
und wieder war der Boden alles andere als abgetrocknet!
Nur logisch war es da, dass sein Heimatgestüt den schlammfesten Derbysieger des Jahres 2001 da als eigenen Deckhengst aufstellte, doch ähnlich wie seine Schwester Borgia erwies sich der Ammerländer auf diesem Gebiet leider als eine große Enttäuschung. Nur noch sehr bescheiden ist seine Decktaxe heute, noch bescheidener die Anzahl seiner bisherigen Nachkommen. Sie sind eben ein großes Rätsel, die Gesetzmäßigkeiten und Geheimnisse der Vollblutzucht. 


Sabiangos zweite Karriere im Gestüt, die sich nach einem Beginn in Frankreich nun wieder in seinem Heimatgestüt Fährhof abspielt, scheint hingegen zumindest etwas hoffnungsvoller zu verlaufen, wobei es nach ersten kleineren Erfolgen mit Pferden wie Perfect Son, Per Se oder Ostler sicherlich noch viel zu früh ist, um hier auch nur annähernd ein Urteil zu fällen.


Fest steht aber bereits jetzt: Im Vergleich zu den Vorkommnissen um das Sintflut-Derby vor zehn Jahren kann man die Verhältnisse, unter denen sich Waldparks Derbysieg in diesem Jahr ereignete, als regelrecht schönes Wetter bezeichnen. Wie gesagt – was machen schon ein paar nasse Füße, wenn man ein wirklich mitreißendes Derby live miterleben kann?

Genau – nichts!

Mittwoch, 29. Juni 2011

Vor fünfzehn Jahren: Klarer Favorit

Es ist wieder einmal soweit – die Zeit des Spekulierens und Diskutierens hat nun, nachdem das Union-Rennen und auch das früher als Consul Bayeff-Rennen bekannte Bremer Derby-Trial gelaufen wurden, ernsthaft begonnen. Jene Pferde, die, aus welchen Gründen auch immer, nicht im Derby antreten sollen, sind inzwischen endgültig gestrichen worden, und inzwischen scheinen nach einigen Turbulenzen und Verschiebungen in letzter Sekunde auch die Rittverpflichtungen klar zu sein. Kurzum: Die Derbywoche in Hamburg steuert mit jedem Tag mehr auf ihren jährlichen Höhepunkt zu. Wären wir beim Fußball, hätte man sicher am vergangenen Samstag, als sich in Horn erstmals für 2011 die Boxen öffneten, irgendwo diesen Gesang hören können…

„Jetzt geht’s lo-hos! Jetzt geht’s lo-hos…“

Ich mag sie ja sehr, all diese herrlich subjektiven und teils leidenschaftlich geführten Gespräche über die ganz persönlichen Derby-Favoriten, verbunden mit jeder Menge individueller Interpretationen der verschiedenen Vorbereitungsrennen, die uns durch das Frühjahr in den Sommer hinein begleitet haben. Rennverläufe werden verglichen, Taktiken diskutiert, es wird über Stamina und Speedvermögen gerätselt, Jockey- und Traineraussagen werden analysiert – und am Ende… tja, am Ende bin zumindest ich in diesem Jahr überhaupt nicht schlauer als vorher.

Ich kann mich nämlich nach wie vor nicht entscheiden, wer denn nun mein Derbyfavorit 2011 werden soll. Viel zu offen ist für mich diesmal die Lage, viel zu groß noch das Feld der möglichen chancenreichen Kandidaten. Natürlich habe ich Pferde, die einen guten Eindruck auf mich gemacht haben, und Trainer/Jockeys/Besitzer, denen ich einen Derbysieg ganz besonders gönnen würde. In mehr oder weniger bunter Reihenfolge, eben weil ich mich (noch) nicht entscheiden kann:

  • Gereon… ja, schön wäre es, wenn dieses kleine Underdog-Märchen für alle Beteiligten Wirklichkeit werden könnte…
  • Saltas, den ich nett finde und der mir – einfach schon aus freundschaftlicher Sympathie genehm wäre…
  • Waldpark, der wegen seiner familiären Herkunft das Galoppsportgeschichteherz in mir heftig zum Klingen bringt und mir in Iffezheim wirklich gefallen hat…
  • Sommernachtstraum, der nicht nur einen wunderschönen Namen für mich Shakespeare-Liebhaberin hat, sondern bislang auch gleich mehrfach kaum mit dem Glück im Bunde war – und mir in Baden-Baden ebenfalls sehr sympathisch…
  • Brown Panther, der mir ganz aktuell beim Ascot-Livestream-Schauen ungemein imponiert hat…

Ja, das wären meine gegenwärtigen Top Five, und ich mache auch keinen Hehl daraus, dass ich nicht unbedingt eine Fortsetzung der Schlenderhan-Dominanz bräuchte, die bislang diese Rennbahnsaison zu prägen scheint. Wenn ich mir denn nun  partout einen der Schwarz-Blau-Roten aussuchen müsste, fiele die Wahl wohl auf Arrigo, aber insgesamt inspiriert mich keines der vielen Schlenderhan-Pferde wirklich. Und überhaupt: Ich bin für Abwechslung! Aber richtig entscheiden kann ich mich einfach nicht, und werde daher Hamburg-Horn wohl auf mich zukommen lassen, um mich spontan am Führring zu entscheiden.

Es ist diesmal auch deswegen besonders schwer mit der Auswahl eines Favoriten, weil man einen Jahrgangsprimus, der klar und deutlich über der Konkurrenz steht, in diesem Frühjahr vergeblich suchte. Das war vor fünfzehn Jahren jedoch deutlich anders…


Es war einmal vor fünfzehn Jahren

Damals nämlich, anno 1996, schien es weit und breit nur einen Hengst zu geben, der für den Derbysieg in Frage kam. Es war ein ziemlich blaublütig gezogener Fährhofer namens Lavirco, dem diese Ehre praktisch von jedem Rennbahngänger zuerkannt wurde, und der Dreijährige hatte sie sich auch wirklich mehr als redlich verdient. Recht eng war über die Mutterlinie seine Verwandtschaft mit dem damals schon großen Lomitas, und auch wenn seine Mutter La Virginia ein ordentliches, obwohl nicht überragendes, Rennpferd gewesen war, mussten ihrem Mitte März 1993 geborenen Königsstuhl-Erstling Lavirco gewisse Hoffnungen gelten. Immerhin wurde dieses Zuchtrezept in den beiden Folgejahren, noch ehe man wissen konnte, was für ein großer Treffer hier geglückt war, in identischer Weise wiederholt, wobei mit einem Hengst namens Laveron auch noch einmal ein weiteres überragendes Rennpferd das Licht der Welt erblicken sollte.

Lavirco jedenfalls wurde allen Hoffnungen mehr als gerecht, denn er zauberte eine zwar leider verletzungsbedingt nur recht kurze, aber umso beeindruckendere Karriere auf den grünen Rasen, die ihn vor fünfzehn Jahren – vollkommen zu Recht, wie sich dann am 7. Juli 1996 in Hamburg-Horn herausstellte – zum einzigen ernsthaft diskutierten Derbyfavoriten stempelte. Zu überlegen stand der Fährhofer Hengst, der bis zum Rennen aller Rennen für die Dreijährigen überhaupt nur einmal, nämlich im Dr. Busch-Memorial zum Saisonstart, bezwungen worden war, über der gleichaltrigen Konkurrenz als dass man wirklich ernsthaft noch andere Namen hätte diskutieren können. Allenfalls der viel zitierte „Turfteufel“, ein ausgesprochen schlechter Rennverlauf oder sonstige dramatische Missgeschicke, die ihm aber niemand wünschte, schienen Lavircos Derbysieg vorab überhaupt nur ganz theoretisch in Frage stellen zu können.

Dazu kam es nicht. Das Glück blieb dem bildhübschen, fast schwarzen Hengst mit der kleinen weißen Blesse auf der Stirn zumindest bis zu seinem größten Tag hold, und folgerichtig gewann Lavirco die 127. Austragung des Deutschen Derbys genauso überlegen und spielerisch leicht wie das praktisch alle Rennsportfreunde von ihm erwartet hatten. Blickt man auf die Siegquote von immerhin noch 29:10, so muss man sich angesichts seiner Vorleistungen schon ein wenig wundern, dass es sich für viele Menschen noch rentierte, dem Favoriten in den schwarz-gelben Traditionsfarben Geld mit auf die Reise über das Horner Moor gegeben zu haben. Er hätte durchaus auch noch deutlich kürzer am Toto stehen können. 

Am Ende aber zählte nur eins: Lavirco erfüllte locker die Hoffnungen  seiner Anhänger, als er mit Richterspruch „überlegen“ vier Längen vor dem Zweitplatzierten Surako ins Ziel flog. Jener Surako aus der Fährhof-Filiale von Heinz Jentzsch war es übrigens gewesen, der dem bei Peter Rau trainierten Lavirco Anfang des Jahres seine oben schon erwähnte, bis dato einzige Niederlage überhaupt beigebracht hatte, doch da sie Zuchtgefährten waren, unterstreicht dies nur, wie klar die Fährhofer mit Lavirco an der Spitze 1996 das Geschehen bei den dreijährigen Hengsten dominierten. Es war ein gutes Jahr für das Sottrumer Gestüt, und nebenbei der letzte richtig große Erfolg, den der hochbetagte Gestütsgründer Walther J. Jacobs live in Hamburg miterleben konnte. Er muss ihn sehr genossen haben.

Von alledem hatte ich aber noch keine Ahnung, als ich am 16. September 1995 auf dem Weg zur Rennbahn in Mülheim war. Dass ich in Kürze den künftigen Derbysieger sehen würde, war mir wirklich nicht bewusst. Und was heißt auch schon „sehen“? So besonders viel habe ich nämlich damals überhaupt nicht von Lavirco sehen können, denn ich kam zu spät.

Nun ja… fast zu spät. Immerhin habe ich beim Betreten der Rennbahn am Raffelberg noch mitbekommen, wie das Zweijährigen-Feld, zu dem auch der Fährhofer gehörte, mit enormem Tempo an mir vorbeihuschte. Zu mehr hat es leider nicht gereicht, denn ich war am Morgen, vor Beginn des Renntags ganz brav bei einem Arbeitsgruppentreffen für ein Uni-Projekt gewesen, das in Duisburg stattfand. Und eigentlich hatten wir so früh Schluss gemacht, dass ich meine schwere Büchertasche noch nach Hause hätte bringen können, ehe es auf die Rennbahn ging, wenn… tja, wenn die Straßenbahn mal gekommen wäre.

Sie kam aber nicht. Grrrr…

So stand ich innerlich knurrend und frustriert an einer Haltestelle in Duisburg, genau so weit von der Rennbahn entfernt, dass Laufen keinen Sinn mehr machte, wollte ich es rechtzeitig zum Start des ersten Rennens schaffen. Nun gut, das erste Rennen konnte ich verschmerzen, das zweite hätte ich schon gerne miterlebt, aber das dritte, die Konkurrenz der Zweijährigen, wollte ich wirklich unbedingt sehen. Nicht wegen Lavirco, denn der war eben damals für mich einfach nur ein Fährhofer Debütant, sondern wegen eines Ravensbergers namens Taifun. Die Ravensberger waren mir, da ich mich damals ja schon brennend für Rennsportgeschichte interessierte, ausgesprochen sympathisch, Taifun klang nebenbei so recht wie man sich einen Rennpferdnamen vorstellte, und der Windwurf-Sohn hatte beim Erstauftritt einen guten zweiten Platz hinter Hemingway erreicht. Das wirkte doch ganz vielversprechend, und genau darum zog es mich auch so dringend zurück nach Speldorf auf die Rennbahn.
Kam nicht... und kam nicht... und dann doch irgendwann noch!
Wenn nur die blöde Straßenbahn endlich gekommen wäre… oder ich am Morgen das Fahrrad genommen hätte, um nach Duisburg-Duissern zu kommen. Hatte ich aber nicht. Und so war ich zum sinnfreien Warten verurteilt. Grrrr…

Als mir klar wurde, dass ich das erste Rennen der Tageskarte abschreiben konnte, begann ich mich langsam mit dem Gedanken an einen Gewaltmarsch durch den Duisburg-Mülheimer Wald auseinanderzusetzen, um zumindest das Hauptereignis an jenem Tag, das Berberis-Rennen für die zweijährigen Stuten, nicht auch noch zu verpassen. Aber die kiloschwere Büchertasche drückte wirklich sehr, also konnte ich mich nicht recht aufraffen, sondern brodelte nur leise frustriert vor mich hin. Grrrr…

Und dann, etwa in dem Moment, als nach dem Zurückführen der Pferde aus dem zweiten Rennen ihre zweijährigen Artgenossen, unter ihnen Taifun und eben auch ein gewisser Lavirco den Führring in der Nachbarstadt betreten haben dürften, erschien endlich zu meiner großen Freude am Horizont die Silhouette einer Straßenbahn der Linie 901. Sollte es doch noch zu schaffen sein?

Nun ja, man soll sich nie zu früh freuen, denn kaum hatte ich die Büchertasche und mich in die Bahn befördert, als wir nach nur einer Haltestelle am Zoo wieder aus- und in eine Ersatzbahn umsteigen mussten. Die fuhr dann allerdings erst einmal nicht, sondern stand gemütlich an der Haltestelle Zoo/Uni. Grrrr…

Irgendwann, als ich gedanklich auch das dritte Rennen aufgegeben hatte, zockelte sie – was für eine Sensation! – dann doch noch los, nahm rasch Fahrt auf, sauste durch den Wald über die Stadtgrenze nach Mülheim, passierte die Monning, schaffte es sogar bis zum Raffelberg und brachte mich schließlich wirklich zur Haltestelle Rennbahn.

Geschafft – fast!

Die Startzeit für das dritte Rennen nahte unbarmherzig, und ich Gemütlichläuferin bin wohl selten so flott den kleinen Berg hinunter in Richtung Haupteingang geeilt. Die Bücher mussten wohl oder übel mit auf die Rennbahn kommen. Noch auf halber Strecke hörte ich über die Lautsprecher, dass das Rennen kurz vor dem Start stand, also legte ich noch einmal einen Zahn zu und passierte das Eingangstor bei zum Glück damals noch freiem Eintritt für die Damen ziemlich genau in dem Moment, als auch die Zweijährigen in die Zielgerade einbogen und der Tribüne zustrebten.

Es war ein – unbeabsichtigt! – beeindruckendes Erlebnis, dieses Rennen aus ganz anderer Perspektive als sonst vorne am Ziel oder oben auf der Tribüne mitzuerleben. Ich sah das Feld nur kurz als ein Durcheinander leuchtender Rennfarben und um eine möglichst gute Positionierung ringender Pferde, sprintete über die kleine Wiese vor zu den Rails, und dann flitzten sie auch schon unter lautem Hufschlag an mir vorbei. Das Gras flog, die Luft vibrierte für einen Moment, und schon sah ich das Rudel Vierbeiner nur noch von hinten.

Meine eigene Atemnot nach dem flotten Marsch den Berg hinab mag dazu beigetragen haben, aber meine Herz schlug plötzlich im Takt. Fasziniert starrte ich den wunderschönen Pferden nach. Und so bekam ich perfekt mit, wie sich ein Starter unwiderstehlich vom Feld löste, die Konkurrenz scheinbar spielerisch stehen ließ und am Ende mit einem satten Vorsprung von drei Längen durchs Ziel flog. Leider war es nicht Taifun, denn für den langte es bei seinem zweiten Versuch, dem noch viele weitere Starts und auch insgesamt neun Siege folgen sollten, nur zu einem dritten Platz. Die Rivalen liefen eben in diesem speziellen Rennen einfach zu gut, und es war – natürlich – Lavirco, der gleich sein Lebensdebüt in einen, wie der Zielrichter feststellte, hochüberlegenen Sieg ummünzte.

Angetan von der Vorstellung des in Bruchteilen von Sekunden für sehr schön empfundenen Pferdes lief ich rasch über die Wiese an den beiden Tribünen vorbei in Richtung Absattelring, um mir den Fährhofer genauer anzusehen, denn er schien intuitiv einfach ein verdienter Hoffnungsträger zu sein. Auch aus der Perspektive vom Rand des Absattelrings bestätigte sich der Eindruck für mich, und die hochzufriedene Reaktion von Jockey Torsten Mundry und Trainer Peter Rau auf den Sieg ihres Schützlings war ebenfalls bezeichnend. Zugegeben, ich habe auch Taifun ausgiebig bewundert, bis die Glocke zum Waageschluss zu hören war, aber Lavirco ist mir sehr lebhaft im Gedächtnis geblieben.

Wie gemalt: Lavirco porträtiert von Manfred Hentschel
So hat es mich auch gefreut, rund einen Monat später zu lesen, dass er im Preis des Winterfavoriten antreten würden – einfach, weil ich mit ihm einen konkreten Eindruck verbinden konnte… einen sehr positiven noch obendrein. Von den anderen Kandidaten in der Prüfung, die damals anders als heute noch keine Gruppe-Ehren bot, sondern als eher zahmes „Nationales Listenrennen“ gelaufen wurde, hatte ich schon den „bei uns“ in Mülheim trainierten Barlovento und den anderen Fährhofer Surako am Start und auch bei einem Sieg miterlebt. Auch Decamerone, dessen Name mich doch sehr an den Inhalt eines damals gerade aktuellen Uni-Seminars erinnerte, war schon Sieger aus Mülheim. Insgesamt aber räumte mein Vorstellungsvermögen damals Lavirco nach seinem imponierenden Mülheimer Treffer die größten Chancen ein, auch wenn sein Engagement im Preis des Winterfavoriten erst sein zweites Rennen überhaupt war und ihm somit praktisch alle Konkurrenten einige Erfahrung voraus hatten. Dieser Mangel an Vorbereitungsrennen störte Lavirco aber ganz und gar nicht, denn wieder gelang ihm auf der Bahn in Köln Weidenpesch ein souveräner Erfolg vor – genau! – Barlovento und Surako, die auch insgesamt gesehen hinter dem Sieger die auf Dauer erfolgreichsten Pferde in diesem Zweijährigenfeld werden sollten.

Nun stand die Winterpause an, und während ich 1996 mit wachsender Begeisterung im Saisonverlauf die Entwicklung „meiner“ Wurftaube (wohl bis heute mein absolutes Lieblingsrennpferd!) verfolgte, war auf der Seite der Hengste Lavirco auch als Dreijähriger der ganz große Star. Nur zu Saisonbeginn konnte ihn – wie bereits erwähnt – Surako einmal schlagen, doch danach schien es kein Halten für Lavirco mehr zu geben. Er absolvierte eine klassische Vorbereitungsroute in Richtung Derby, die mehr und mehr sein Stehvermögen austesten sollte, und er bestand diese mit einem leichten Sieg im Mehl-Mülhens-Rennen sowie dem folgenden sogar wieder überlegenen Treffer in der Union souverän.
Danach konnte es einfach ernsthaft keine Zweifel mehr geben: Lavirco war genau das, was wir in dieser Saison nicht haben: Er war der uneingeschränkte und scheinbar nicht schlagbare Jahrgangsprimus und damit auch der rechtmäßige Derbyfavorit.

Lavirco mit seinem ständigen Reiter Torsten Mundry
Nun ist es ja so, dass gerade am Derbysonntag manchmal die größten Favoriten rüde entzaubert werden. In Lavircos Fall geschah jedoch genau dies nicht, denn auch in Hamburg-Horn konnte ihm keiner seiner immerhin siebzehn Konkurrenten das Wasser reichen. Auch Surako, der ihn ja einmal geschlagen hatte, blieb mit vier Längen Abstand deutlich hinter dem überlegenen Triumphator  zurück, der sich nicht davon irritieren ließ, dass Konkurrent Arctic Boy nicht in die Startbox zu bewegen war. Nach dem Start ergab sich auf dem schon optisch sehr weichen Horner Geläuf ein nicht ganz alltägliches Bild, als sich das Feld an den Tribünen vorbei fast in zwei Hälften teilte. Zunächst waren die Pferde von Heinz Jentzsch vorne, dann aber rückten außen die beiden Fährhofer Farben – Lavirco mitgezogen durch den flott antretenden Surako – auf.

Lavircos Derby-Video


Gegenüber hielt Torsten Mundry seinen Hengst im vorderen Mittelfeld, „in Lauerposition“, wie Manfred Chapman es mit einem klaren Blick erkannte, und bereits beim Einbiegen in den Horner Bogen war klar, dass der Fährhofer gemeinsam mit seinem Zuchtgefährten Surako zu einer kleiner werdenden Gruppe von Pferden zählte, die auch fürs Auge weiter richtig gut gingen. Die bislang Führenden, darunter Agnelli und auch der für einen Moment noch chancenreich aussehende Schimmel Silver Sign waren jedoch rasch keine ersthaften Rivalen mehr, als eingangs der Zielgeraden die beiden Fährhofer – um den dort vermutlich besseren Boden auszunutzen – weit nach außen strebten. Währenddessen wurde der Ittlinger Agnelli, der lange vorne gelegen hatte, rapide nach hinten durchgereicht, als ihm die Kraft ausging. Er hatte mit der Entscheidung nichts mehr zu tun, ebensowenig wie Silver Sign.

Die Musik spielte an anderer Stelle – nämlich außen bzw. in der äußeren Bahnmitte: Fast schien es für einen Moment als dränge Surako dabei Lavirco zu weit ab und nehme ihm die freie Entfaltungsmöglichkeit, aber schon wenige Galoppsprünge später waren die Verhältnisse klargestellt, und Lavirco konnte auf den letzten dreihundert Metern einem triumphalen Sieg entgegeneilen, während für den ebenfalls gut laufenden Surako nur der zweite Rang blieb.

Vier Längen waren es im Ziel – das war schon ein deutliches Wort, das zeigte, dass Lavircos Favoritenposition mit 29:10 in einem Feld von weit überwiegend dreistellig am Toto stehenden Konkurrenten absolut gerechtfertigt gewesen war… trotz aller (wie auch immer begründeter) Zweifel. Und so formulierte es auch Manfred Chapman aus der Moderatorenkabine:

„Lavirco ist der Derbysieger! Und wie der gewinnt! Alle haben es nicht geglaubt, dass der doch so gut ist. Er ist der Beste! Lavirco hat gewonnen!“

Begeistert riss Jockey Torsten Mundry unmittelbar vor dem Ziel, Augenblicke vor dem größten Triumph seiner reiterlichen Laufbahn, die linke Faust hoch, und dann war er auch schon unangefochten als Erster mit Lavirco am Spiegel vorbei. Der logische Favorit hatte gewonnen und wurde zusammen mit seinem Jockey, Trainer Peter Rau und natürlich seinen Züchtern und Besitzern vom Gestüt Fährhof in Hamburg gebührend gefeiert.

Torsten Mundry erinnert sich an Lavirco


Tja… und dann?

Dann hätte es ja eigentlich mit diesem innerhalb seines eigenen Jahrgangs so völlig überlegenen Pferd ebenso spielerisch triumphal weitergehen müssen. Wer sollte denn Lavirco in den im weiteren Saisonverlauf noch anstehenden Rennen überhaupt schlagen?

Große Erwartungen an das "Pferd mit dem fünften Gang" - und ein kleines bisschen "Was-wäre-wenn...?"


Nun, einer fand sich beim nächsten Auftritt in Hoppegarten tatsächlich noch, bei dem Lavirco zwar als erdrutschartiger 11:10-Favorit die Machtverhältnisse zu fast allen Rivalen aus dem Derby, so etwa Flamingo Garden, Ocean Sea oder Agnelli, klar bestätigte, aber dennoch ausgerechnet in einem Pferd seinen vorübergehenden Meister fand, das noch im letzten Rennen in Hamburg satte fünfzehn Längen hinter ihm völlig geschlagen als Elfter über die Ziellinie gekommen war: Bad Bertrich Again, der vierbeinige Werbestar eines gesamten Kurorts, dessen bis dato bester und einziger Treffer ein Nationales Listenrennen als Zweijähriger in Gelsenkirchen gewesen war.

Naja… manchmal geschehen eben gerade im Rennsport doch größere Wunder. Für den vermeintlich unbezwingbaren Lavirco und sein Team war es ein rüdes Erwachen aus dem Traum von vielen weiteren Siegen, aber anders als manche Derbysieger, die später nie wieder recht an ihren allergrößten Erfolg anknüpfen konnten, gelang dies Lavirco nach einer kleinen Pause doch. Noch einmal sah man ihn 1996 am Start, und in diesem im Vergleich zum Hoppegartener Rennen hochkarätig besetzten Preis von Europa bestätigte Lavirco mit einem 3,5-Längen-Erfolg gegen Pferde wie u.a. die Klassestute Hollywood Dream, Dauerläufer Protektor und den englischen Spitzenhengst Luso seinen Gruppe-I-Treffer aus Hamburg.

Die Ehre war gerettet, der Nimbus des Überpferdes wieder hergestellt, und für die kommende Saison setzten alle Rennsportfreunde die größten Hoffnungen auf die vielen schönen Treffer von Lavirco, die 1997 zu erwarten waren. Insbesondere wurde schon vorab von einem baldigen Duell mit der so famos gesteigerten Ravensberger Stute Wurftaube geschwärmt. Das wollte man sehen... Doch dazu kam es nie - leider!

Schon im späten Herbst 1996 hatte nämlich das Unglück zugeschlagen, das später dafür sorgte, dass Lavircos leichter Sieg im Preis von Europa auch bereits sein letzter Start auf der Rennbahn gewesen war. Im Training kam es zu einer Verletzung am rechten hinteren Fesselgelenk, die zunächst gar nicht so extrem dramatisch aussah. Zunächst wurde jedenfalls alles Erdenkliche für eine erfolgreiche Rekonvaleszenz des Spitzenpferdes getan, und es schien auch gut auszusehen, bis dann zu Jahresbeginn 1997 erneut eine Lahmheit am betroffenen Bein auftrat.

Dieser traurige Befund bedeutete das Ende für Lavircos Rennlaufbahn, auch weil man auf dem Gestüt Fährhof befürchtete, dass der Ruf des Hengstes Schaden nehmen könne, wenn es ihm durch die Verletzung bedingt nicht mehr gelingen würde, an seine alten Spitzenleistungen anzuschließen. Also sollte er lieber präventiv gleich als Deckhengst aufgestellt werden. Edel genug gezogen war der dunkle Hengst ja nach dem bewährten Erfolgsrezept als Königsstuhl-Sohn aus einer Surumu-Tochter – allerdings begann hier auch gleich ein gewisses Problem, das es Lavirco schwer machen sollte, sich in Deutschland, und ganz besonders in seinem Heimatgestüt, dauerhaft als Beschäler durchzusetzen, denn sein Pedigree war einfach zu klassisch und deckte sich damit zu stark mit jenem vieler Fährhofer Stuten, die ähnlich gezogen waren.

Das limitierte natürlich per se die Zahl der Stuten, die ihm die Fährhofer zur Unterstützung zuführen konnten. Dennoch – man wollte es versuchen. Und obwohl Lavircos erster, 1998 geborener Jahrgang ziemlich klein und wenig spektakulär ausfiel, waren es doch ausgerechnet die beiden Fährhofer Produkte Sabana und Somotillo, die als (immerhin!) Black-Type-Pferde auf Anhieb gewisse Lorbeeren für ihren Vater ernten konnten. Somotillo offenbarte dann auch in fortgeschrittenem Alter noch Talent über die Sprünge, wo er in Italien immerhin ein Gruppe-III-Rennen gewann, das für die spätere Laufbahn seines Erzeugers wegweisend wurde. Erwähnt werden sollte außerdem unter Lavircos deutschen Nachkommen auf jeden Fall der 2000 geborene Soterio, der als mehrfacher Listensieger auf Steher- und Extremsteherdistanzen für positive Nachrichten sorgen konnte, ehe er später vornehmlich in Frankreich mit sehr wechselndem Erfolg in einer Serie von Verkaufsrennen an den Start kam.

Lavircos Jahrgänge bis zu Beginn des neuen Jahrtausends sahen zahlenmäßig gar nicht einmal so schlecht aus, aber es verging eine Weile, ehe 2001, in dem Jahr, in dem seine ersten Nachkommen Dreijährige waren, sein wohl bester Sohn Fight Club das Licht der Welt erblickte. Der später wie so viele deutsche Spitzenpferde jener Zeit an Gary A. Tanaka verkaufte Fight Club verfügte zwar nicht über die ganz große Klasse seines Vaters, tummelte sich aber mit schöner Regelmäßigkeit und durchaus einigen Platzierungen auf Listen- und Gruppeebene. Große Schlagzeilen machte Fight Club, als er im September 2005 in Baden-Baden ausgerechnet Königstiger (ein entzauberter Derbyfavorit wie er im Buche steht!) bezwingen konnte – sein wohl größtes Rennen. Der ganz gehobene und vor allem beständige Erfolg blieb ihm allerdings letztlich doch versagt.

Sein Vater Lavirco weilte damals auch bereits seit einer Weile nicht mehr in Deutschland, denn nachdem seine Karriere sich nicht so entwickelt hatte wie insgeheim sicher erhofft, hatte man für den Derbysieger von 1996 eine andere – alles andere als zweitklassige – Lösung gefunden und ihm einen Beschälerplatz in den Haras Nationaux besorgt, wo er überwiegend zur Zucht von Hindernispferden Verwendung fand – das auch mit einigem Erfolg, wie im vergangenen Jahr der talentierte Seriensieger bei den Hürdlern Bel La Vie oder zuvor bereits Mikael d’Haguenet, der mehrfach in Irland und England auf höherer und höchster Gruppe-Ebene über die Sprünge gewinnen konnte, unter Beweis stellten. Ganz aktuell konnte sich im Jahr 2011 auch bereits der Lavirco-Sohn Quarouso in einem Jagdrennen auf Gruppeebene siegreich präsentieren.

Lavirco als Deckhengst in Frankreich
Lavircos letzter regulärer deutscher Jahrgang 2003 geboren worden war. Dieser enthielt zwar keine Fülle herausragender Könner, aber mit Lord of the Dark immerhin ein Pferd, das uns als wahrer Dauerläufer (wenn auch in einer ganz anderen Leistungsklasse) auch heute noch ein Begriff ist und seinem Vater nebenbei ausgesprochen ähnlich sieht. Und dann… tja, dann kam da noch eine Stute mit dem reizvollen Namen Lolita auf die Welt, die es drei Jahre später schaffte, sich zunächst mit dem Vorsprung von bloß einer Nase den Düsseldorfer Stutenpreis zu holen, um anschließend einen ungleich größeren und wichtigeren Sieg hinzuzufügen, als sie die 2006er-Auflage der German Guineas – immerhin gegen die spätere Diana-Siegerin Almerita – gewann.


Dass die später in die USA überstellte Lolita Lavircos beste Tochter ist, dürfte wohl völlig außer Frage stehen, auch wenn sie sich anschließend auf europäischer Gruppe-I-Ebene nicht durchsetzen konnte, doch geriet der Hengst anschließend in Frankreich zumindest aus deutscher Perspektive einigermaßen in Vergessenheit. Und so mag es für manch einen, der sich so wie ich noch gut an den Derbysieger von 1996 erinnern konnte, im November 2009 die Nachricht von Lavircos gesundheitsbedingter Einschläferung als traurig stimmender Schock gekommen sein. Nach einer Operation im September war der Hengst nur noch durch eine Sonde ernährbar gewesen, hatte auch nicht mehr saufen können - eine schwere Belastung, wie die französische Gestütsseite schrieb. Zwar habe Lavirco noch regelmäßig einen Paddock aufsuchen können, aber als sich seine Gesundheit Anfang November rapide verschlechterte, entschloss man sich zwei Tage später schweren Herzens dazu, Lavirco von seinem Leid zu erlösen.


Ein großartiges Rennpferd war er, dieser Lavirco, und ich hätte ihn so gerne noch öfter – vielleicht auch persönlich – am Start gesehen als bei unserer einzigen „Begegnung“, als ich atemlos an die Mülheimer Rails eilte und mir nur dieser berauschende Eindruck blieb, wie ein fast schwarzes Pferd unwiderstehlich antrat und an mir vorbei in Richtung Ziel rauschte. Dieser Eindruck allerdings ist auch viele Jahre später noch sehr lebendig geblieben.

Sonntag, 12. Juni 2011

Vor sechs Jahren: Royales Raubtier und stiller Wind

Der folgende Erinnerungstext ist exakt ein Jahr alt, erschien damals im Tippspielforum und wurde - besonders im Hinblick auf die Nachkommen des einen "Hauptdarstellers" - ein wenig aktualisiert. Das Ziel: Ein wenig Lust machen auf morgen, wenn die 2011er-Ausgabe des Union-Rennens in Köln-Weidenpesch ansteht, und das mit einem Feld, das durch Pferde wie Arrigo, Gereon, Saltas, Sundream... ebenfalls eine Menge Spannung verspricht. Ich freue mich jedenfalls schon heute auf morgen.


Es war einmal vor sechs Jahren

Heute springen wir zur Abwechslung einmal nicht gar so weit in die Vergangenheit, sondern lediglich sechs Jahre zurück, zum 12. Juni des Jahres 2005. Es war der mit einiger Spannung erwartete Tag der wichtigsten Derby-Vorprüfung, an dem das Union-Rennen in Köln ausgetragen wurde. Ganz so hochkarätig wie das Feld, das fast exakt sechs Jahre später, also am morgigen Nachmittag, in die Startboxen einrücken wird, war die 2005er-Auflage des Union-Rennens möglicherweise nicht, aber sie enthielt doch mit dem späteren Derbysieger (im Ziel hier nur Fünfter) und dem Hengst, um den es in diesem Text geht, zumindest zwei sehr gute Rennpferde.


So war es 2010: Union-Sieger Zazou vor dem Zweitplatzierten Lindentree


In der Favoritenrolle stand jedoch nur einer, und das war – wohl eher eine zufällige Parallele zu Scalo, der im vergangenen Jahr die meisten Wetten auf sich vereinigen konnte, dann aber, wie man inzwischen mit einiger Gewissheit sagen kann, unter Wert geschlagen blieb – der bislang bei drei Starts ungeschlagene und bereits doppelte Gruppesieger Königstiger. Auf 18:10 hatten die Besucher der Kölner Rennbahn den Ritt von Andreas Suborics schließlich vor dem Start heruntergewettet, was deutlich das gewaltige Vertrauen unterstreicht, das sie in den Schlenderhaner Tiger Hill-Sohn aus der Kittiwake setzten. Königstiger sollte seine Anhänger letzten Endes auch nicht enttäuschen und gewann das Union-Rennen, aber ein Spaziergang wurde es für ihn und seinen Jockey wahrlich nicht. Im Gegenteil – was sich vor sechs Jahren in Weidenpesch abspielte, verdient wohl zurecht die Adjektive „kurios“, „dramatisch“, „mitreißend“ und „unterhaltsam“.

Bei Menschen ist es wohl nicht grundsätzlich anders als bei Rennpferden. Da gibt es manche Vertreter, die auf diesem oder jenem Gebiet eine besondere Gabe haben und mit diesem Talent offenbar mühelos brillieren. Es scheint ihnen keine spezielle Mühe zu machen, die Konkurrenz spielerisch leicht hinter sich zu lassen. Fast wirkt es so als nähmen sie sie im Höhenrausch der eigenen Fähigkeit gar nicht wahr. Und dann existieren da andere Menschen, die ähnlich talentiert sind, aber zum Abrufen ihrer Höchstleistung stets nahezu ebenbürtige Konkurrenz benötigen. Sie leben von der Auseinandersetzung, vom Kampf, und erst in der Herausforderung durch einen Gegner finden sie jene Kraft in sich, die es ihnen im allerletzten Moment gestattet, den Rivalen doch noch zu überflügeln.

Königstiger – so viel dürfte bei aller unterschiedlichen Wahrnehmung, die der Hengst in seiner leider nur sehr kurzen Rennlaufbahn erfuhr, unumstritten sein – war ein typischer Vertreter der zweiten Gruppe. Er benötigte das Kämpfen wie die Luft zum Atmen. Siege mit dem Prädikat „hochüberlegen“ waren seine Sache nicht – im Gegenteil! Je knapper es vorne wurde, je unerbittlicher der Zielpfosten näher rückte, je eindeutiger ein anderes Pferd den Sieg bereits in trockenen Tüchern zu haben schien, desto schneller wurde der Schlenderhaner, bis es ihm auf den allerletzten Drücker meistens doch gelang, die Partie noch einmal zu wenden. Nur einen einzigen seiner vier in Folge errungenen Siege (davon zwei als Zweijähriger und weitere zwei während seiner Kampagne als Dreijähriger 2005) hat er anders als durch „Kampf“ entschieden. Dies war sein Maidensieg beim allerersten Start im September 2004 in Baden-Baden. Ausnahmsweise war er hier gegen teilweise gar nicht einmal so schlechte Pferde mit einem sicheren Vorteil als erstes Pferd über die Ziellinie galoppiert. Danach aber machte er seinem Ruf als großer Kämpfer dreimal hintereinander alle Ehre.

Er war gewiss ein richtig gutes Rennpferd, denn schon beim zweiten Lebensstart schickte Trainer Peter Schiergen Königstiger nach Italien, wo er im Gran Criterium ausgesprochen knapp den vermeintlich höher eingeschätzten Stallgefährten Idealist unter Andreas Suborics düpierte. Filip Minarik saß an jenem Tag im Sattel der vorab „nur“ zweiten Farbe Königstiger, doch am Ende avancierte er mit dem Hengst zum Gruppe-I-Sieger, so dass die beiden Schlenderhaner dieses Rennen unter sich ausmachten. Auch bei seinem folgenden Auftritt, dem ersten in seiner Dreijährigensaison, gewann Königstiger in ganz ähnlichem Stil. Wieder war es nur ein Kopfvorteil, den er – erneut unter Filip Minarik – nach hartem Kampf und erneut gegen einen Stallgefährten namens Bernard ins Ziel brachte.

Bis zum Start des Union-Rennens musste sich also unter den Rennbahnbesuchern herumgesprochen haben, dass dieser Königstiger nicht von ungefähr als einer der ganz großen Aspiranten auf den Derbysieg galt, sich aber zum Anlegen einer Wette nur für Menschen ohne schwaches Nervenkostüm und Herzrhythmusstörungen anbot. Vielleicht war dies auch der Grund, warum der Schlenderhaner eigens für die große Derby-Vorprüfung einen Pacemaker in Gestalt des Ullmann-Hengstes Silent Wind zur Seite gestellt bekam. Dass dieser Silent Wind jedoch dem großen Favoriten am Ende noch beinahe die Tour vermasselt hätte, statt nur das Tempo schön flott zu machen und nebenbei noch für jede Menge Unterhaltung zu sorgen, war wohl so nicht geplant gewesen.

Silent Wind machte seinem Namen nämlich alle Ehre – zielstrebig führte und zog er das Feld bis in die Zielgerade hinein, wobei er durch einen ziemlich cleveren Ritt von Terry Hellier die innere Spur ganz an den Rails geschickt für Königstiger frei hielt, in dessen Sattel nun wieder Andreas Suborics saß. Der einzige ernsthafte Konkurrent, der nicht von Peter Schiergen trainiert wurde, das Schütz-Pferd Le King aus dem Gestüt Wittekindshof, war so gezwungen, in einer weiter außen liegenden Bahn deutlich mehr Strecke zurückzulegen. Es waren also eigentlich optimale Voraussetzungen geschaffen worden für den großen Favoriten, aber im Einlauf tat sich Königstiger zunächst alles andere als leicht. Für einen Moment mochte man sogar glauben, er sei bereits geschlagen – aber da täuschte sich das gebannt zusehende Publikum.

Ort des Geschehens in einer alten Luftaufnahme: Rennbahn Köln-Weidenpesch


Was dann folgte und mit Hilfe des Rennvideos, das inzwischen auf der Website des Gestüts Fährhof bei den Informationen über den Deckhengst Königstiger anders als im letzten Jahr leider nicht mehr verfügbar ist, war ganz großes Rennbahnkino. Nicht nur, dass auf den letzten Metern bis zum Zielspiegel eine Kampfpartie sondergleichen entbrannte, an deren Ende Königstiger knapp – knapper – am knappsten mit lediglich einer Nase das bessere Ende für sich hatte, nein, es gab auch noch kostenlos eine Zugabe, die beinahe Slapstick-Charakter hat. Silent Wind nämlich, der wohl ohne dass es beabsichtigt gewesen war, fast das Rennen gewonnen hätte, machte seinem Namen alle Ehre und erzeugte... Wind. Er bediente sich dazu im Einlauf wieder und wieder sehr gekonnt seines Schweifs, mit dem er schlug und wedelte, ohne im Galopp aus dem Takt zu kommen. Auch beim wiederholten Ansehen des Videos konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen.

Was in den Zuschauern vorgegangen sein mag, während sich dieses Spektakel vor ihren Augen live abspielte, kann man nur ahnen. Am Ende jedoch hatte Königstiger noch einmal – ein letztes Mal, wie sich später herausstellen sollte – das bessere Ende für sich gehabt. Er gewann, aber wer auf dem Video den bei der Siegerehrung ziemlich erledigt und perplex wirkenden Jockey Andreas Suborics betrachtete, sah, dass dies wohl kaum sein leichtester Gruppesieg gewesen sein dürfte.

Der Nimbus der Unbesiegtheit war jedenfalls trotz der Umstände seines Erfolgs gewahrt geblieben, und so ging Königstiger auch als einer der Mitfavoriten ins Hamburger Derby. Lediglich sein Stallgefährte Arcadio (noch ein erstklassiger Schlenderhaner!) wurde in diesem Rennen aller Rennen von den Wettern höher eingestuft als der Union-Sieger. Gewinnen konnten beide Pferde das Rennen am Ende allerdings nicht, denn genau in dem Moment, in dem es darauf ankam, erlebte der Außenseiter Nicaron, den Königstiger zuvor noch klar und deutlich geschlagen hatte, die Sternstunde seines Lebens. 


Eine vergleichbare Leistung konnte der Derbysieger des Jahres 2005 später nie wieder erbringen, aber so ist es halt im Rennsport: Ein Triumph zur rechten Zeit genügt. Das Blaue Band konnte ihm danach niemand mehr nehmen. Und es sah in der Tat schon spektakulär aus, wie Nicaron auf den letzten dreihundert Metern des Rennens außen an den vermeintlich so siegessicheren Schlenderhanern vorbeizog, insbesondere Königstiger dabei vollkommen stehen ließ und auch die sehr gut aussehende Schlussattacke des späteren Zweiten Night Tango, der einen recht schlechten Rennverlauf gehabt hatte, ganz locker abwies. Auch Nicaron ist inzwischen zum Deckhengst avanciert, doch stehen die ersten Rennbahnstarts seiner Nachkommen noch aus.

Und Königstiger, dem möglicherweise in Hamburg der Weg doch ein wenig zu weit geworden sein könnte? Lange war trotz der vorhandenen Zweifel an seinem Stehvermögen über eine Revanchepartie gegen Nicaron im Rheinland-Pokal und somit erneut auf Derby-Distanz spekuliert worden. Königstiger wurde auch als Starter angegeben, dann jedoch am Tag des Rennens wegen des aufgeweichten Bodens zurückgezogen. Er erschien im Herbst nur noch einmal am Start – nun über deutlich kürzere 2000 Meter, aber gegen Fight Club gab es hier ebenfalls kein Ankommen, und so kam er „nur“ als Zweiter ins Ziel. Der Verdacht drängt sich auf, dass Königstiger möglicherweise bereits vor dem Derby all seine ihm zur Verfügung stehenden Kämpfe gekämpft hatte. Danach endete seine Karriere als Rennpferd abrupt mit der überraschenden Meldung, dass das Gestüt Fährhof ihn als Deckhengst aufstellen werde, wobei diese Entscheidung wohl auch viel mit dem tragischen Unfall eines anderen Pferdes namens Eagle Rise zu tun hatte. Zudem hatte Königstigers so erfolgreicher Vater Tiger Hill das Gestüt Fährhof gerade verlassen, und was lag da näher als ihn gewissermaßen durch seinen Sohn zu ersetzen?

Deckhengst Königstiger


So verständlich die Entscheidung ist, dass Königstiger aus dem Rennstall genommen wurde, so schade ist es doch auch, dass er nicht mehr die Gelegenheit bekam zu zeigen, ob er (vielleicht nach einer kleinen Erholungspause?) noch zu weiteren faszinierenden Kämpfen in der Lage gewesen wäre. 


Noch auf dem Gestüt Fährhof - Deckhengst Königstiger bekommt Besuch


Als Deckhengst bekam der Gruppe-I-Sieger jedenfalls in den ersten Jahren seiner Tätigkeit auf dem Fährhof trotz seiner zunächst recht stattlichen Decktaxe alle nur erdenkliche Unterstützung und hatte auch von anderen Züchtern regen Zulauf. Inzwischen sind die Pferde seines ersten Jahrgangs vierjährig, und auch aus dem zweiten Jahrgang sind bereits einige Pferde gelaufen. Manche von ihnen, darunter z.B. Anking, Wild Pearl, Zirkel und Lavallo, haben auch bereits als Sieger auf sich aufmerksam machen können. Am erfolgreichsten hat sich bislang die Rennkarriere von Devilish Lips gestaltet, und auch bei der vierjährigen Shining Glory und dem dreijährigen Arazjal dürfte noch manch ein Traum geträumt werden. Der ganz große Treffer ist dem Königstiger-Nachwuchs aber bislang noch nicht geglückt.

Königstiger-Tochter Shining Glory


Seit diesem Jahr hat er auch einen neuen Standort bezogen und ist ins Gestüt Zoppenbroich gewechselt. Sein 2011er-Jahrgang ist ebenfalls noch recht kopfstark und umfasst auch einige Black-Type-Stuten größerer Gestüte. 

Was die Zukunft nun für Königstiger bringen wird? Ich plädiere für Abwarten... noch ist nicht aller Tage Abend, und wer weiß – vielleicht setzt sich ja am Ende auch einmal eines seiner Kinder auf den allerletzten Drücker durch und zeigt, dass es den fulminanten Kampfgeist des Vaters geerbt hat?